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Ein Kunstblog für München







 

"what remains gallery", Installationsansicht, © Landspersky & Landspersky, 2013.

Eine fiktive Galerie, ein temporärer Ausstellungsort, eine geschrottete Yacht und drei Künstler: so könnte man die Bestandteile der aktuellen Ausstellung im Kunstpavillon im Alten Botanischen Garten benennen. Doch was dahinter steckt, ist weit komplexer, spannender und reizvoller als es sich auf den ersten Blick präsentiert. 

2009 rief das Künstlerduo Landspersky & Landspersky die fiktive Institution what remains gallery ins Leben, um den essentiellen Bedeutungsgehalt künstlerischer Relikte zu erforschen. Wenn also von einer Ausstellung, einem Projekt oder einem Werk eines Künstlers Material übrig bleibt, das scheinbar in Vergessenheit gerät, irgendwo lagert oder auch entsorgt werden muss, sei es weil eine Installation ortsspezifisch gebunden, oder einfach keine weitere Ausstellungsmöglichkeit vorhanden war, kommt die what remains gallery in Spiel. Deren Macher, Rene und Christian Landspersky (sie sind übrigens Cousins), sammeln diese Überbleibsel, die vormals Kunstwerke ausmachten und als solche mit den mannigfaltigsten Inhalten beladen sind, und verarbeiten sie weiter. Wichtig ist den Künstlern dabei die Authentizität des Reliktes, denn es geht um die Bedeutung, die an dem Material selbst haftet. Hierzu gehört der Sinngehalt, den bereits ein anderer Künstler dem Material gegeben hat, ebenso so wie der Rezeptionsgehalt und die Eigenschaft der Materie. 


Fernado Sánchet Castillo "Guernica Syndrome/Azor", @ Paco Gómez/Matadero 2012

Dies ist zu erläutern anhand der aktuellen Ausstellung der what remains gallery im Kunstpavillon: Eine monumentale Arbeit des spanischen Künstlers Fernando Sánchez Castillo dient hier als Ausgangspunkt der konzeptuellen Arbeit des Künstlerduos Landspersky & Landspersky. In seinem Werk thematisierte Castillo die Wirkmacht von Autorität, Propaganda, Geschichte und deren materieller Repräsentation. Für die Skulptur "Guernica Syndrome/Azor" erwarb der Künstler 2011 die stillgelegte Freizeit-Yacht des ehemaligen Diktators Franzisko Franco. Nach dessen Tod ging die Yacht zunächst in den Besitz des Staates über. Um sich jedoch des faschistischen Symbols zu entledigen, wurde sie weiterverkauft und gelangte schließlich in die Hände des spanischen Künstlers. Dieser ließ die Yacht zerlegen und in 40 Metal-Quader pressen. Zu einer Art Wall zusammengefügt, wurde die Arbeit 2012 im Matadero Madrid und danach im Kunstverein Braunschweig ausgestellt. 

"what remains gallery" Installationsansicht, © Landspersky & Landspersky, 2013.

Da erst 2014 eine weitere Ausstellung in Linz in Österreich geplant ist, gelang es Rene und Christian Landspersky, 11 Quaderblöcke aus einem Zwischenlager für ihr Projekt auszuleihen. Und so formte sich die Idee, eine Umkehrung der Situation zu schaffen: Aus Lager wird Ausstellung und aus Ausstellung wird Lager. Im Pressetext zur Ausstellung heisst es hierzu: "what remains gallery verwandelt den Kunstpavillon im Alten Botanischen Garten dazu in ein Trockendock, das einerseits dem sperrigen Relikt aus Spaniens Erbschaft eine Lagerstätte auf Zeit bietet und andererseits die Arbeit Castillos in seine Grundbausteine zerlegt und diese einer spezifischen Untersuchung unterzieht." 

Detail, © Landspersky & Landspersky, 2013.

Im Zusammenspiel mit der Historie des Ausstellungsortes, der Kunstpavillon ist ein Relikt der Nazi-Zeit, entsteht durch die öffentliche Aufbewahrung der Quaderblöcke, ein Diskurs, der weiter geht, als der von Castillo ursprünglich angestrebte. Im Rahmen der what remains gallery werden den Quadern weitere Bedeutungsinhalte zugefügt. Es geht nicht mehr nur um das Mahnmahl "Guernica Syndrome", sondern um die Erforschung weiterer Bedeutungsebenen, wie die Dynamik kultureller Zusammenhänge, die gesellschaftliche Rolle des Ausstellungsraumes, die Thematisierung des Kunstbetriebes, sowie Souveränität und Eigenständigkeit von Kunst. 

"what remains gallery", Installationsansicht, © Landspersky & Landspersky, 2013.

Der Reichtum der Wahrnehmung wird immer beeinträchtigt durch jedwede Nominierung der Rezeption. Um dies zu verhindern, streben Landspersky & Landspersky die Vermeidung einer starren Präsentation an. Sie wollen den Blickwinkel, auch während der Ausstellungszeit, immer wieder verändern, um so auf die Vielfalt der Wahrnehmungsmöglichkeiten und Bedeutungsinhalte eines Werkes hinzuweisen.  Die what remains gallery arbeitet die Insignierung von Inhalten auf und indem sie als Galleriefiktion konzipiert ist, entsteht eine neuartige Ausstellungskonzeption. 

"what remains gallery", Installationsansicht, @ Landspersky & Landspersky, 2013.

Das künstlerische Konzept von Rene und Christian Landspersky besteht meines Erachtens, in der Weiterentwicklung des Kunstgedankens.  Irgendwo zwischen Duchamps Ready Made und Marcel Broodthaers kritischer Hinterfragung des Kunstbegriffs, weg vom Einzelwerk, hin zu einer Auseinandersetzung mit dem Kontext, begreife ich das Künstlerduo, als konzeptuell arbeitende Skulpteure, die die Eindimensionalität des kunstorientierten Zugangs zu einem bestehenden Kunstwerk verändern, weitere Dimensionen hinzufügen und schließlich etwas Neues erschaffen. Während Broodthaers als erster Künstlerkurator mit seinem fiktiven "Musée d'Art Moderne" Fragen wie, was ist Kunst, welche Rolle spielt der Künstler, was ist die gesellschaftliche Aufgabe des Museums, klären wollte, untersuchen Rene und Christian Landspersky mit what remains gallery die Frage nach dem Inhalt des Ausstellungsmaterials: wie entwickelt sich dieses in verschiedenen Kontexten, inwieweit haftet ein Kontext an einem Relikt und inwieweit lässt es sich rekontextualisieren? Letztendlich dreht es sich immer wieder um den Wahrheitsgehalt der Realität und vielleicht verhält es sich hierbei so, wie Broodthaers es einmal beschrieb: "Eine Fiktion erlaubt es, die Wahrheit zu sehen und außerdem das, was sie verbirgt." 1 Die Konzeption der what remains gallery ermöglicht es Inhalte aufzudecken, wie es in einem konventionellen Galleriebetrieb nicht möglich wäre.

 

(1) zitiert nach Mc Shrine 1997, 62, in Tobias Wall: Das Unmögliche Museum - Zum Verhältnis von Kunst und Kunstmuseum der Gegenwart, Transcript Verlag, Bielefeld 2006, S. 187.


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