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Ein Kunstblog für München







 

Tilo Schulz: „Schritt, zwischen, 2014“, Courtesy Jochen Hempel Galerie, Berlin / Leipzig und / and acb Galéria,Budapest; Foto / Photo: Maximilian Geuter.

 

Im Schatten der großartigen Ausstellung von Georg Baselitz - vor allem die Drip-Paintings und die monumentalen jedoch vor Leichtigkeit strotzenden Skulpturen haben mich überzeugt - beherbergt das Münchner Haus der Kunst auch zwei Kapsel Ausstellungen. Kapsel Ausstellungen? Im Duden wird eine Kapsel als kleiner runder Behälter beschrieben oder als die Umhüllung eines Fremdkörpers und so bedeutet auch "abkapseln" sich von der Umgebung absondern.  Tilo Schulz der gerade eine dieser Kapseln bespielt, begehrt jedoch mit seiner Installation alles andere als eine Abkapselung. Der von ihm geschaffene Raum verlangt vielmehr, dass der Betrachter sich auf ihn einlässt, Teil von ihm wird und quasi als Akteur handelt. 

 


Tilo Schulz: „Schritt, zwischen, 2014“, Courtesy Jochen Hempel Galerie, Berlin / Leipzig und / and acb Galéria,Budapest; Foto / Photo: Maximilian Geuter.

 

Das Publikum betritt also eine Galerie in einem oberen Geschoss des Westflügels, bestehend aus einem Hauptraum und einem kleineren Nebenraum, und befindet sich vor einer raumgreifenden Holzkonstruktion. Dunkel und sehr viel niedriger als der eigentliche Ausstellungsraum, stellt die Konstruktion zunächst ein Hindernis dar. Doch eine Umgehung ist nicht möglich und so verlockt die scheinbar einzige Öffnung den Besucher in ihr Inneres zu treten. Aus verschiedenen Ecken der Konstruktion ertönen nacheinander lyrische Texte, die ihn von einem Bereich in den nächsten führen. Im Vorbeigehen erkennt der Betrachter verschiedene Elemente: eine sich kaum vom Boden abhebende Rampe, ein grauer Farbfleck an einer Wand oder eine Art Absperrung aus scheinbar wirr aneinander genagelten Planken, die mit Farbe bespritzt sind, fast wie auf einer Baustelle. Der Besucher, der unweigerlich den Sprechchören folgt, erfährt so nach und nach das Innere der Konstruktion. Es ist, als fände eine cognitive Führung des Raumes auf mehreren sensorischen Ebenen statt und tatsächlich erinnere ich mich später an eine Textstelle aus einem der Lautsprecher, wo es heisst: "... ich nehme dich an die Hand ..."

 

Tilo Schulz: „Schritt, zwischen, 2014“, Courtesy Jochen Hempel Galerie, Berlin / Leipzig und / and acb Galéria,Budapest; Foto / Photo: Maximilian Geuter.

 

Die Arbeit mit dem Titel "Schritt, zwischen, 2014" wurde von Tilo Schulz eigens für die Räume der Kapselausstellung im Haus der Kunst konzipiert. Als Raum im Raum reflektiert die Konstruktion ursprünglich die Grundmaße des ca 200 qm großen Ausstellungssaals. Doch durch eine geringfügige Drehung der eingebauten Rekonstruktion gehen gewisse Bereiche verloren; sie verschwinden in den Wänden der Ausstellungsfläche und bestehen nur noch imaginär. Diese vordergründig einfache Installationssituation, nämlich ein nachempfundener Raum der im direktem Bezug zum ursprünglichen Raum steht, ist durchaus komplex und fordert vom Betrachter eine subtile Handlung, nämlich das Erkennen der formalen und funktionalen Möglichkeiten eines bestimmten Raums. Der Raum an sich dient nicht nur als Ausstellungsfläche sondern ist selbst Darstellungsform indem er durch Höhe oder/und Helligkeit Stimmungen erzeugt; er setzt Grenzen und Übergänge; durch nur geringfügige Änderungen entstehen architektonische Verdrängungen, sowohl materiell als auch ideell. Auch der Klang des Raums, hier durch die Sprechchöre gegenständlich gemacht, beeinflusst dessen Wahrnehmung und Rezeption. 

 

Tilo Schulz: „Schritt, zwischen, 2014“, Courtesy Jochen Hempel Galerie, Berlin / Leipzig und / and acb Galéria,Budapest; Foto / Photo: Maximilian Geuter.

 

Tilo Schulz sucht in seiner Arbeit nach Möglichkeiten der Darstellung, welche den vorgefundenen gesellschaftlichen Formen und Funktionen etwas entgegensetzt. Fast wie in einem Film in dem Bild, Ton und Text zusammen kommen -die zeitliche Komponente stellt der Künstler durch die Bewegung des Besuchers im Raum dar - benutzt Tilo Schulz verschiedene sensorische Elemente um eine Art Zeichensystem im semantischen Sinne zu kreieren. Er modifiziert die Sprache des Raums und verändert dadurch dessen formale, geschichtliche und gesellschaftliche Rezeption.

 


Tilo Schulz: „Schritt, zwischen, 2014“, Courtesy Jochen Hempel Galerie, Berlin / Leipzig und / and acb Galéria,Budapest; Foto / Photo: Maximilian Geuter.

 

Tilo Schulz ist nicht nur Künstler, sondern hat sich insbesondere als Kurator zahlreicher Ausstellungen sehr intensiv mit Präsentation und Repräsentation auseinander gesetzt. Einer seiner Referenzen, die er immer wieder nennt, ist Friedrich Kiesler, ein aus Österreich stammender Amerikaner, der als einer der ersten Ausstellungssysteme entwarf, die den Besucher aktiv mit einbeziehen und fordern.1 Es scheint also nur konsequent, dass Schulz auch in seinem künstlerischen Werk seine gewonnenen Kenntnisse umsetzt und verwertet. Das Publikum als Rezipient ist dabei nicht nur wesentlicher Bestandteil, sondern Ausgangspunkt. Dem von der Umgebung der Ausstellungssituation geprägten Besucher stellt der Künstler ein Hindernis entgegen, um ihn sodann zu neuen Ausblicken, Grenzen und erweiterten Erfahrungen zu führen. 

 

Tilo Schulz: „Schritt, zwischen, 2014“, Courtesy Jochen Hempel Galerie, Berlin / Leipzig und / and acb Galéria,Budapest; Foto / Photo: Maximilian Geuter.

Am Donnerstag, den 11.12.2014 um 19 Uhr wird Tilo Schulz im Haus der Kunst in einem performativen Vortrag auf seine Rauminstallation eingehen.

 

1.) Kiesler entwickelte bereits 1924 die spiralförmige Raumbühne - eine freistehende Konstruktion zur Präsentation von Objekten und Bildern, im Jahr darauf zeigte er im Rahmen der Exposition Internationale des Arts Décoratifs et Industriels Modernes im Pariser Grand Palais "Raumstadt" und Jahre später entwarf Kiesler die ART OF THIS CENTURY Galerie von Peggy Guggenheim in NY.


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