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Ein Kunstblog für München







Videostill: "The Sculptor (Tim)" , © Susanne Wagner, courtesy Galerie Jo van de Loo

Drei fast raumhohe Stehlen, an denen jeweils ein Bildschirm auf Augenhöhe angebracht ist beherrschen den abgedunkelten Ausstellungsraum. Auf den Bildschirmen sieht man, jeweils vor einem schwarzen Hintergrund, einen dunkel gekleideten Mann, der blau, weiß, rot und gelbe Stäbe zu einem Raster zusammenfügt. Die, durch ein zischendes Geräusch - vergleichbar mit dem der Lichtschwerter in den Star Wars Filmen - unterlegten Bewegungsabläufe auf den Monitoren, sind nicht synchron. Und schon nach wenigen Sekunden bemerkt man auch, dass sich die Stangen zu verschiedenen Mustern gestalten. Während auf dem ersten Bildschirm ein Gitternetz aus Quadraten wie in einem Mathe-Schulheft entsteht, entwickelt sich auf dem zweiten ein Raster aus Rauten und auf dem dritten Bildschirm eine Kombination aus beiden. Jedes Video beinhaltet alle drei Muster, nur werden sie in unterschiedlicher Reihenfolge abgespielt, so dass gleichzeitig nie dieselbe Sequenz gezeigt wird. Allein alle 8,10 Minuten kommen die drei Videos zum gemeinsamen Stillstand, denn genau so lange dauert eine komplette Schleife der Arbeit. Für einige Sekunden herrscht im Raum vollkommene Stille. Dann geht es in einer Endlosschleife von vorne los. 

Videostill: "The Sculptor (Tim)" , © Susanne Wagner, courtesy Galerie Jo van de Loo

"The Sculptor" (Tim)" lautet der Titel der in der Galerie Jo van de Loo gezeigten Videoarbeit von Susanne Wagner. Die mehrfach ausgezeichnete Künstlerin ( u.a. Debütantenpreis der ADBK München und Bay. Kunstförderpreis) studierte Bildhauerei an der Akademie der Bildenden Künste in München und Wien und war von 2005 - 2011 künstlerische Assistentin in der Bildhauerklasse von Professor Hermann Pitz. Und so verwundert es nicht, dass ihr Ansatz, auch in diesem Video, ein bildhauerischer ist. Susanne Wagner steht zwar augenscheinlich hinter der Kamera und beobachtet, während ein Protagonist etwas erstellt. Ihre Arbeit ist jedoch weder dokumentarischer Art, noch baut der Akteur die Formationen auf, sondern trägt sie, entgegen dem anfänglichen Schein, ab. Allein durch das rückwärts Abspielen des Videos entsteht der Eindruck, dass die Raster aufgebaut werden. 

Videostill: "The Sculptor (Tim)", © Susanne Wagner, courtesy Galerie Jo van de Loo

Die Arbeitsweise des Protagonisten ist also mit der eines Skulpteurs vergleichbar:  Die Skulptur entsteht, durch das Abtragen von Material. Im Video "The Sculptor (Tim)" muss das Geflecht der Stäbe in einer räumlichen Installation bereits bestanden haben.  Erkennbar ist dies für den Zuschauer jedoch nicht, da der Filmverlauf uns etwas anderes vorgaukelt.  Nur bei dem genauen Studium der fast tänzerischen Bewegungsabläufe sehen wir, dass Tim die Stangen wegnimmt und in einem, außerhalb des sichtbaren Bildes liegenden Bereich, fallen lässt. Auch bleibt der Raum an sich verborgen. Wir wissen nicht wo oben oder unten ist, steht der Akteur vor, hinter oder inmitten des Gebildes? Letzten Endes bleibt auch die Installation selbst unfassbar. Ihre Dreidimensionalität ist nur in der Bewegung des Protagonisten erahnbar, die Tiefe des Raums wird von dem schwarzen Hintergrund verschluckt. 

 

Videostill: "The Painter (Robert)", © Susanne Wagner, courtesy Galerie Jo van de Loo

In einer zweiten Videoarbeit, welche in einem Nebenraum auf einem IPad abgespielt wird, wirft "The Painter (Robert)" in verschiedene Farben getauchte Tennisbälle auf eine weiße Fläche. Die Bewegungen des Protagonisten erinnern stark an die des Action Painters, Jackson Pollock, der mit seinen sogenannten "Drip Paintings" den Fertigungsprozess in den Vordergrund stellt. Die Bälle springen und rollen über den nur ausschnittsweise gezeigten Bereich, so dass vor der Linse der Kamera ein abstraktes Gemälde entsteht. Das Roll-Verhalten der Bälle entspricht jedoch nicht unseren Vorstellungen von Raum und Schwerkraft. Sie bleiben liegen, wo wir erwarten, dass sie abprallen oder durch ihre Schwere nach unten aus dem Bildraum fallen. Auch bewegen sich, wie von allein. Es scheint fast, als hätten die Farbbälle ihre eigene Dynamik und Gesetze entwickelt. Und wie auch in der ersten Arbeit, verwehrt uns die Künstlerin die Möglichkeit den Handlungsraum zu erfassen. 

In beiden Arbeiten spielt Wagner mit unseren Sehgewohnheiten. Ihre installative Vorarbeit ist dabei Hauptakteur. Denn unserer Sehweise liegt immer ein Konstrukt zugrunde, etwas, das bereits vor dem Sehen stattgefunden hat. Die Aufmerksamkeit des Betrachters richtet sich zuallererst auf das "Bekannte". Der Mensch sucht unweigerlich nach Dingen die er kennt, die er versteht. Um dieser Tatsache wissend, generiert Susanne Wagner einen Bildraum, der es dem Betrachter leicht macht, scheinbare Abläufe zu erkennen, die in Wirklichkeit vielleicht ganz anders stattgefunden haben. Mit der Linse ihrer Kamera fängt sie nur eine unter vielen möglichen Ansichten der Realität ein. Indem sie weitere Perspektiven bewusst ausblendet und auch die Zeitlichkeit manipuliert, schafft sie eine neue Wirklichkeit. Sie formt Räume, sie fügt hinzu, trägt ab und  gestaltet. Letztendlich ist ihre Arbeitsweise mit der eines Bildhauers vergleichbar. Die filternde Optik der Kamera ist hierbei ihr Werkzeug. 

Videostill: "The Painter (Robert)", © Susanne Wagner, courtesy Galerie Jo van de Loo

Thematisch stellt die Künstlerin dem Betrachter genügend Information zur Verfügung, um ihre Konstruktionen erfahrbar zu machen. So ist auch der Titel  ein wesentlicher Bestandteil der Arbeit. Er bringt den Zuschauer erst auf den richtigen Weg. Der Protagonist, Tim, ist im wirklichen Leben tatsächlich Bildhauer, ebenso wie Robert ein Maler ist. Dies ist nicht rein zufällig. In ihren Videos setzt sich Wagner mit verschiedenen Kunstgattungen auseinander und ihre Akteure sind Teil dieser Arbeit. Sie haben einen gewissen Handlungsspielraum und können, im Rahmen der Interpretation der künstlerischen Anweisung, an der Ausführung mitwirken und sich selbst miteinbringen. Es geht hier um die Authentizität, denn die Arbeit erreicht dadurch Glaubwürdigkeit. Der Betrachter sucht und findet nun unweigerlich die bildhauerischen, beziehungsweise malerischen Elemente im Video. Gleichzeitig verbindet er die Tätigkeit mit einer bestimmten Person, über die er nun glaubt Bescheid zu wissen. Trotz alle dem bleibt beim Zuschauer ein Zweifel. Es ist dieses Mysteriöse und Unbegreifliche, das Verborgengebliebene also, was den Betrachter fixiert. 

Susanne Wagners Arbeit ist vielschichtig und komplex. Man erkennt deutlich ihre bildhauerischen Wurzeln, obwohl sie hier scheinbar nur hinter der Kamera steht. Doch es scheint auch, als wäre sie entschlossen, sich weder den traditionellen Gesetzten der Bildhauerei zu unterwerfen, noch das Medium des Films nur dokumentarisch oder erzählerisch zu nutzen. Sie hinterfragt die Kunstgattungen an sich, sie ertastet den skulpturalen Raum mit einen Raster, füllt die Leinwand mit tanzenden Bällen und bringt die Dimensionen ins Ungleichgewicht. Letztendlich aber, fügt sie alles zu einer sinnbringenden Einheit zusammen.


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