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Ein Kunstblog für München







Installation View, © Siegfried Wameser, München, Courtesy: Galerie Sabine Knust

"Zeit ist vielleicht der wichtigste Punkt in meiner Arbeit, da meine Kunst wie eine Art von Zeitmaschine funktioniert"1, so der Künstler, der sich selbst  Andy Hope 1930 nennt und die Ausstellung SIX NIGHTS OF STUDIES IN SUB-HISTORY LIGHT in der Galerie Sabine Knust kuratiert. Sechs unterschiedliche künstlerische Positionen treffen, unabhängig von ihrer kunstgeschichtlichen Einordnung, in dieser Ausstellung aufeinander. Andy Hope (geb. 1963) hat eigene Werke mit Arbeiten von Milena Pavlovic-Barili (1909 - 1945), Utz Kampmann (geb. 1935), Hans Baschang (geb. 1937), Stephan Dillemuth (geb. 1954), und Ben Kaufmann (geb. 1972) zusammen getragen. Doch anders als bei einer thematisch verbundenen Gruppenausstellung, scheint es Andy Hope darum zu gehen, ein Ensemble aus Verbindungen und Gegenüberstellungen zu kreieren, Gemeinsamkeiten zu entdecken und Unterscheidungen, durch das Hinzufügen von neuen Kontexten, zu überwinden. Es ist, als wolle er den Beweis der Existenz von Parallelwelten führen, indem er Arbeiten von Künstler juxtapositioniert, die  zwar vordergründig wenig gemeinsam haben, jedoch durch ihre Zuordnung einen anderen und neuen inhaltlichen Bezug erhalten. Andy Hope kuratiert nicht nur, er installiert. So lässt der Künstler zum Beispiel drei Raumschiffe ("Space Racket, 2013) vor einer recht hoch gehängten Zeichnung (o.T. Nr. 113, 1988) von Hans Baschang kreisen, die einem Wurmloch, also einem Zeittunnel ähneln könnte. Die spiralförmige Zeichnung, welche nach innen immer dunkler wird, scheint die vor ihr schwebenden Raketen, förmlich in sich aufsaugen zu wollen, um sie vielleicht in einer anderen Welt und Zeit wieder auszuspucken.

Installation View, © Siegfried Wameser, München, Courtesy Galerie Sabine Knust

Wer Andy Hope 1930 kennt, weiss dass die Themen dieses Künstlers um Zeitlosigkeit, Mythologie und Geschichte kreisen. Er bringt dazu die unterschiedlichsten Dinge zusammen:  In seinen Bildern fusionieren mal tragisch - heldenhaften Comicfiguren, wie Batman und Robin, mit dem Cowboy-Image des Hollywoodstars John Wayne. Ein andermal verwandeln sich Kirchtürme in Raketen aus Holz und suprematistische Quadrate können Vampirzähne erhalten. 

Hierdurch werden gängige Interpretationen und Wahrnehmungsmuster aufgebrochen. Sie werden provokativ zunichte gemacht, um ihnen Raum für eine neue, andersartige und vielleicht auch herausfordernde Sichtweise zu ermöglichen. Andy Hope sagt von sich selber, dies sei für ihn die einzige Möglichkeit mit Geschichte umzugehen und Inhalte weiter zu entwickeln. Alles andere wäre reines Zitieren und er selbst nähme nicht Bezug, sondern entwerfe etwas. 2

In diesem Sinne ist auch SIX NIGHTS OF STUDIES IN SUB-HISTORY LIGHT zu verstehen: Andy Hope entwirft in der Galerie Sabine Knust eine Wirklichkeit, die seinen Vorstellungen von Raum, Zeit und Geschichte entspricht. Da ist zum Beispiel die serbische Malerin, Milena Pavlovic-Barili, deren surrealistisch anmutenden Gemälde aus den 30er Jahren des vorherigen Jahrhunderts (ausgestellt sind Kopien, da die Originalarbeiten nicht ausleihbar waren) ebenso zeitlos wirken, wie die gegenstandslosen Zeichnungen von Hans Baschang, der 1937 geboren wurde und der  Arbeit von Andy Hope "Lonesome Cowboys I" aus dem Jahre 1994/95.

In der Ausstellung hängt die zuletzt genannte Arbeit in unmittelbarer Nachbarschaft zu einem Portrait eines Mannes  vor einem Segelschiff von Pavlovic-Barili. Die Gegenüberstellung dieser beiden Werke zeigt eine stilistische Ähnlichkeit bei Duktus und Farbauftrag. Man erkennt die Zeit nicht, in der das eine, oder das andere Bild entstanden ist. Ebenso verhält es sich mit der Arbeit "Entarteter Christus (II)" (2007) von Stephan Dillemuth und dem "Portrait of David Thompson as Dillinger"(2013) von Andy Hope, oder der modularen Plexiglasskulptur (1979) von Utz Kampmann und "Medly" (2012) von Andy Hope 1930, ein weisses Quadrat auf schwarzen Grund mit Vampirzähnen, welches stark an Malewitschs "Schwarzes Quadrat" (1914/15) erinnert. 

Installation View, © Siegfried Wameser, München, Courtesy Galerie Sabine Knust

Wie eingangs bereits erwähnt, sehe ich die Ausstellung als ein Gesamtes: als Assemblage oder Installation des Künstlers Andy Hope 1930. In dem bereits zitierten Interview sagt dieser: "Sie (seine Bilder, Anmerkung des Verfassers) sind insbesondere ein Widerstand gegen die Zeit. Zeit ist relativ. (...) In meinen Bildern und Installationen wird Zeit gedehnt, wird Zeit beschleunigt, wird Zeit angehalten."3  

Meiner Ansicht nach, ist es Andy Hope gelungen mit SIX NIGHTS OF STUDIES IN SUB-HISTORY LIGHT die Zeit tatsächlich zu dehnen und anzuhalten. Sein Konzept macht Sinn, es funktioniert und geht in dieser Ausstellung vollkommen auf. Der Umstand, dass alle Künstler durch ihren gemeinsamen Bezug zur Kunstakademie München (nur Utz Kampmann hat hier nicht studiert), auch tatsächlich miteinander verbunden sind, mag vielleicht insofern eine Rolle spielen, als dass er wie eine Art Klammer dient, die alles zusammen hält. Letztendlich aber ist hier ein Raum entstanden, in dem sich Bezugspunkte bilden, welche vorher nicht bestanden haben. Andy Hope hat zeitliche Verbindungen und neue Zusammenhänge kreiert und kann damit überzeugen.

Ich möchte damit schließen, Michel Foucault zu zitieren, denn ich meine, dass dessen "Andere Räume" (so der Titel eines Vortrags, den Foucault im Jahr 1967 im Cercle d' études architecturales hielt) ganz gut die von Hope kuratierte Ausstellung widerspiegeln: 

"Wir sind in der Epoche des Simultanen, wir sind in der Epoche der Juxtaposition, in der Epoche des Nahen und des Fernen, des Nebeneinander, des Auseinander. Wir sind, glaube ich, in einem Moment, wo sich die Welt weniger als ein großes sich durch die Zeit entwickelndes Leben erfährt, sondern eher als ein Netz, das seine Punkte verknüpft und sein Gewirr durchkreuzt. Vielleicht könnte man sagen, dass manche ideologischen Konflikte in den heutigen Polemiken sich zwischen den anhänglichen Nachfahren der Zeit und den hartnäckigen Bewohnern des Raumes abspielen. Der Strukturalismus oder, was man unter diesem ein bisschen allgemeinen Namen gruppiert, ist der Versuch, zwischen den Elementen, die in der Zeit verteilt worden sein mögen, ein Ensemble von Relationen zu etablieren, das sie als nebeneinandergestellte, einander entgegengesetzte, ineinander enthaltene erscheinen lässt: also als eine Art Konfiguration; dabei geht es überhaupt nicht darum, die Zeit zu leugnen; es handelt sich um eine bestimmte Weise, das zu behandeln, was man die Zeit und was man die Geschichte nennt."4

Installation View, © Siegfried Wameser, München, Courtesy Galerie Sabine Knust

 

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1. Andreas Hofer im Gespräch mit Heinz Schütz, in Kunstforum Bd. 191/2008, S. 233

2. ebd., S. 239

3. ebd., S. 240.

4. Michel Foucault, "Andere Räume" in: Barck, Karlheinz u.a. (Hg.), Aisthesis. Wahrnehmung heute oder eine andere Ästhetik, Leipzig 1992, S. 34


 



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