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Ein Kunstblog für München







 

Ausstellungsansicht: "Dämmerfluchten", © Simon Schubert / Courtesy Galerie Thomas Modern 2013.

Der bekannte Kunstkritiker des New York Magazine, Jerry Saltz schrieb vor ein paar Tagen auf seiner Facebook Seite über eine mögliche Definition von Kunst: Wenn Kunst "gut" sei, würde man, sobald man sich mit ihr befasse, den fernen Hall von etwas wie Musik hören, welche zugleich experimentell, selbstgemacht, sexy und nicht verzerrt ist, eigenartige Wendungen beinhaltet, Beklemmung und Frustration hervorruft, Mut und Verbissenheit zeigt, und letztlich körperliche Reaktionen , wie Verzweiflung und Sensation auslöst. (1)

Ich glaube es war genau dies, was ich spürte, als ich die begehbare Installation von Simon Schubert in der Galerie Thomas Modern betrat. Es handelt sich um eine architektonische Konstruktion, bestehend aus 2,5 Räumen, deren Innenwände aus gefaltetem Papier, Motive eines barocken Schlosses aufweisen. 

 "A" und "Federdame", @ Simon Schubert / Courtesy Galerie Thomas Modern 2013.

Zunächst gelangt man, durch einen schmalen, sehr dunklen, kurzen Gang, in eine Art Vestibül. Eine, in einer weissen, federgeschmückten Abendrobe gekleidete Figur, mit pech-schwarzem Haar, empfängt den Besucher. Die Szene könnte auf einer Bühne spielen, so entrückt stellt sie sich dar, und die vermeintliche Frau dem Besucher den Weg weisen. Doch die Gestalt, die sich uns in den Weg stellt, ist reglos und ohne Gesicht. Das dichte, schwarze Haar der Perücke fällt rund um den Kopf herum und verbirgt jeden menschlichen Zug. Die Figur scheint dem Betrachter von allen Seiten den Rücken zuzukehren. Verwirrt und orientierungslos, wende ich mich nach rechts in einen strahlend weissen Saal. Er ist von Licht durchflutet und fünf Spiegel an beiden Seiten, reflektieren das Licht in eine imaginäre Unendlichkeit. Die Papierwände sind reliefartig gefaltet und erzeugen die Illusion von Fensterrahmen, Simsen und Säulen, die in einer langen Flucht in der Ferne verschwimmen. Im hinteren Bereich steht wieder eine Gestalt: anders als die erste, ist diese von Kopf bis Fuß mit schwarz-grünen Federn bedeckt. Gleichzeitig abschreckend und doch ästhetisch, ist auch zu ihr kein Durchdringen möglich.

"Ohne Titel (Kammer), 2013", © Simon Schubert / Courtesy Galerie Thomas Modern 2013.

Schubert bearbeitet das Papier, welches die Wände des Raums  definiert, mit einer speziellen Technik, so dass filigrane positive und negative Faltungen entstehen. Das darauffallende Licht bricht sich an den Falzkanten, so dass durch das Zusammenspiel von Licht und Schatten, architektonische Räume entstehen, die mit Treppen, Säulen, Fenstern und Ornamentik ausgeschmückt sind. Doch manche Faltungen verwirren den Betrachter mehr, als dass sie ihn verorten und räumliche Sicherheit geben, denn seine Relief-Konstruktionen sind letztendlich doch nur Illusion. Trotz der überwältigenden perspektivischen Tiefe, die diesen Ansichten innewohnt, scheinen sie nicht immer aufzugehen. 

Den zweiten Raum betritt man durch eine offen stehende, circa 10 cm dicke Papiertür. Hinter ihr herrscht Dunkelheit und eine beklemmende Atmosphäre. Die Papierwände sind fast überall mit Graphit geschwärzt. Das wenige, allein durch die Tür einfallende Licht wird nur an vereinzelten Stellen reflektiert, die Schubert in schraffurartigen Abstufungen nur wenig, bis hin zu gar nicht geschwärzt hat. Durch dieses Verfahren kreiert der Künstler, auf der ansonsten schwarzen Wand, die Illusion eines Korridors, eines hell erleuchtenden Kronleuchters mit fackelnden Kerzen, einer Lampe und eines weiteren Saals. Nur wenige Stücke vermeintlichen Mobiliars, die sich im Raum befinden, sind schwarz und schwer verhängt. 

"Ohne Titel (Großer Saal)", 2013, © Simon Schubert / Galerie Thomas Modern 2013.

Schuberts illusionistische Räume, mit ihren seltsamen Gestalten, transportieren den Betrachter in eine surreale Dimension, in der sich alle Grenzen aufzulösen scheinen. Inspiriert durch den Film "Letztes Jahr in Marienbad" von Alain Resnais (2), bietet die Installation von Schubert dem Betrachter eine rätselhafte Welt mit ebenso rätselhaften Figuren und Versatzstücken. Wie im Film, durchläuft der Betrachter surrealistische Wahrnehmungen und Emotionen, die er nicht zu erklären vermag. Was ist Illusion? Was ist Real? 

Ähnlich verhält es sich mit den Protagonisten: Man erfährt kaum etwas über sie, denn sie sind im Film, wie in der Installation steif und leblos, ohne Herkunft oder Motivation. Schubert betont das Unnahbare der Figuren, indem er sie mit Federn oder Haaren bedeckt und somit eine Barriere zwischen Figur und Betrachter errichtet. Die in weiss gekleidete Dame bleibt, egal von welcher Seite man sich ihr nähert, immer eine Rückenfigur. 

"Die verbotene Reprobation" 2007 (Detail), © Simon Scubert / Courtesy Galerie Thomas Modern 2013.

Auch in einer weiteren Arbeit der Ausstellung, "Die verbotene Reprobation" aus dem Jahr 2007 findet man wieder eine "reine" Rückenfigur. Durch einen Vorhang gelangt man in einen engen Bereich, in dem eine aufrecht stehende Person vermeintlich in einen hell beleuchteten Spiegel sieht. Der Besucher steht hinter ihr. Doch entgegen seiner Erwartung, sieht er weder die Vorderseite der Gestalt, noch findet er sein eigenes Spiegelbild. Statt dessen reflektiert der Spiegel nur die Rückseite der stehenden Figur. Je mehr der Betrachter nach einer Erklärung oder dem Spiegelbild sucht, desto mehr verliert er sich in dieser surrealen Situation. Die Abwesenheit verdichtet sich zu einem Mysterium und letztlich zu der eigenen Isolation innerhalb eines Absurdums.

Simon Schubert ist Bildhauer, der seine Papierarbeiten als skulpturale Zeichnungen sieht. Neben seinem Studium an der Kunstakademie in Düsseldorf, arbeitete er als Assistent des Philosophieprofessors Dr. Paul Good. Durch diesen sei er mit den Texten von Samuel Beckett in Kontakt gekommen und schließlich zu der Idee, ein Portrait des Schriftstellers zu machen. Angelehnt an Becketts stilistisches und inhaltliches Mittel der Auflösung und Reduktion der Sprache, unternahm Schubert den erfolgreichen Versuch, das Portrait Becketts, ohne die Zuhilfenahme weiterer zeichnerischer Mittel, in das Papier zu falten. (3) Der Weg von der Skulptur zur Papierfaltung war damit gegeben. 

Schuberts Bilder und Installationen konfrontieren den Besucher mit seinen eigenen Ängsten und Sehnsüchten.  Seine Arbeiten sind überaus klug und originell konzipiert, gleichzeitig außergewöhnlich ästhetisch und neu. Sie schaffen Vertrauen, so dass sich der Betrachter mühelos auf sie einlassen kann und werfen zugleich Fragen auf. Sie stiften Verwirrung oder Ratlosigkeit, bieten aber auch Hoffnung. Vor allem aber evozieren sie Emotionen. 

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(1). Jerry Saltz, Facebook

(2). Trailer zu "Letztes Jahr in Marienbad" von Alain Resnais, 1961.

(3). Interview mit Simon Schubert auf "deconarch.com".


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