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Ein Kunstblog für München







 

"Painting With Two Balls" 1997 (Bild wurde urheberrechtlichen Gründen entfernt)

 

Ein Ford Pinto, auf der Seite liegend und umgebaut zu einer Malmaschine, ein französisches Zimmermädchen nackt auf einem Bett ausgestreckt, nur durch ein kleines Guckloch in einem Fenster zu erspähen und 5050 gestapelte Bilder erwarten den Besucher der Retrospektive des amerikanischen Künstlers, Richard Jackson. Die Villa Stuck ist derzeit Schauplatz einer künstlerischen Position, die geprägt vom nordamerikanischen "Abstract Expressionism", sich dem darauf folgenden Minimalismus widersetzt und statt das Kunstwerk immer weiter zu reduzieren, es radikal erweitert hat. Fragen wie, wo endet das Gemälde, wo beginnt die Skulptur, wie viel Gestaltungsraum hat eine Leinwand und wie  kann Farbe aufgetragen werden, außer durch den Pinsel, beschäftigen den Künstler seit den frühen 70er Jahren des letzten Jahrhunderts. 

"Painting with Two Balls" von 1997 eröffnet im Erdgeschoss den Rundgang durch die Ausstellung: noch vor dem Betreten des Raums, bemerkt man die bunten Farbspritzer auf Boden und Wänden, als ob eine Explosion mehrerer Farbeimer stattgefunden hätte. Doch statt eines Explosionsherds, trifft man auf eine Konstruktion, bestehend aus einem, auf der Seite liegenden alten Ford Pinto, dessen zwei Radachsen, angetrieben durch den Motor des PKWs, jeweils einen großen Ball bewegen. Von einer darüberliegenden Plattform wurde Farbe aus Eimern auf die rotierenden Bälle gegossen, so dass die Farbe an alle umliegenden Wände spritzen konnte. In dieser Arbeit überlässt Jackson es einer Maschine, die Farbe auf dem zur Leinwand umfunktionierten Ausstellungsraum zu verteilen. Er nutzt hierbei die Fliehkraft der Farbe, welche radial von der Rotationsachse der Bälle ausgeht: "Action Painting" nicht aus der eigenen körperlichen Anstrengung herrührend, sondern von einer Konstruktion ausgehend. 

 

 

"Wall Painting" & "Stacked Painting", (Bild wurde urheberrechtlichen Gründen entfernt)

Ein Stockwerk höher dient wieder eine Wand als Projektionsfläche für Jacksons Arbeit. Ortsspezifisch und somit temporär konzipiert, benutz der Künstler Leinwände als Mittel zum Farbauftrag. Er bemalt die auf Keilrahmen gespannten Leinwände, um sie sodann mit der Farbe auf die Wand des Ausstellungsraums zu drücken. Durch die Rotation um die Achse der Leinwand, entstehen bunte, kreisförmige Farbgemälde auf der Wand. Die Leinwand dient als Träger der Farbe. Sie wird nach Vollendung der Rotation mit der Farbe zur Wand an selbige genagelt und erweitert das entstandene Wandbild in eine reliefartige Installation. (1) 

Auch bei "5050 Stacked Paintings, 1980 - 2013" geht es um die Erweiterung der Präsentation und Rezeption von Kunst. 5050 auf Keilrahmen gespannte und bemalte Leinwände wurden, mit der von dem Künstler bemalten Seite nach unten, aufeinander gestapelt und zu einer neun Meter langen, viereinhalb Meter breiten und drei Meter hohen Installation aufgebaut. Jackson verweigert dem Betrachter den Anblick der einzelnen Bilder, indem er sie aufeinander legt und stapelt. Die an den Seiten der Keilrahmen herausquellende Farbe jedoch, läßt die entstandene Installation farblich und somit lebendig erscheinen. Und so kann die Arbeit, trotz ihrer monumentalen Ausmaße, leicht und angenehm zurückhaltend wirken. 

 

 

"The Laundry Room (Death of Marat)" 2009. (Bild wurde urheberrechtlichen Gründen entfernt)

Ganz anders verhält es sich bei Jacksons Arbeiten der "Painted Environments". Hier re-inszeniert Jackson einzelne Werke bedeutender Künstler in einem dreidimensionalem Raum. "The Laundry Room (Death of Marat)" aus dem Jahr 2009 stellt die Szene des Gemäldes "Der Tod des Marat" (1793) von Jacques-Louis David dar. Der französische Revolutionär liegt, wie in dem Gemälde, ermordet in einer Badewanne. Statt einem Brief steht vor dem toten Marat  jedoch ein Laptop mit einer geöffneten Email und statt der gedeckten Farben des Originals von David, färbt Richard Jackson die ganze Szene in ein tiefes Rot. 

Auch vor Degas "Petite danseuse de 14 ans" (Kleine vierzehnjährige Tänzerin) hält Jackson nicht inne. Er nimmt ihr alles Niedliche, stellt sie auf den Kopf, zertrümmert den Schädel und lässt Farbe durch ihren Körper fließen. Ebenso entlarvt Jackson den Piontillismus eines Georges Seurat, indem er dessen berühmtes Gemälde "La Grande Jatte" (1884-1886) mit einem Luftgewehr nachempfunden hat. Doch statt mit einem Pinsel oder ähnlichem zu hantieren, wurden die Bleikugeln eines Luftgewehrs in die entsprechende Farbe getaucht und dann auf die Leinwand geschossen. Und obwohl er bereits an die 9000 Mal auf die Leinwand gezielt hat, ist das Bild noch nicht einmal zu einem Zehntel vollendet. (2)

 

 

"La Grande Jatte ( nach Georges Seurat)" 1992 (Bild wurde urheberrechtlichen Gründen entfernt)

Richard Jacksons Werk zeugt von einem überschwänglichen Erfindungsreichtum, mit welchem der Künstler die Malerei neu interpretiert. Er lässt sie verschmelzen mit performativer Skulptur, experimentiert mit dem Begriff "action painting" und vertauscht die tradierten Rollen der technischen Mittel der Malerei. Seine Kunst soll mit allen Sinnen erfahren werden. Sie ist stark, laut und bunt und manch einer könnte meinen, der alte Franz von Stuck würde sich im Grabe umdrehen, angesichts der radikalen Auseinandersetzung Richard Jacksons mit der Geschichte der Malerei in den ehrfürchtigen Räumen der Villa Stuck.  Doch holt man sich in Erinnerung, dass Stuck, als Mitbegründer der Münchner Sezession, sich bereits 1892 gegen die Bevormundung durch den staatlichen Kunstbetrieb und gegen die von Lenbach geprägte Tradition wehrte und später an der Akademie in München junge Künstler wie Wassily Kandinsky und Paul Klee unterrichtete, glaube ich, auch er hätte seine wahre Freude an dieser Ausstellung gehabt.

1. Video zu Arbeitsweise: http://www.youtube.com/watch?v=Mpp14KDULbA.

2. Begleitheft zur Ausstellung "Ain't Painting A Pain".


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