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Ein Kunstblog für München







 

(Bild wurde urheberrechtlichen Gründen entfernt).

Das renommierte Goldsmiths College der Universität von London brachte in den späten  80er und frühen 90er Jahren eine Reihe von Künstler hervor, die man unter dem Synonym Young British Artist zusammen fasste.  Ihnen gemeinsam war, das sie die interdisziplinäre und stark auf Theorie basierende Struktur der Ausbildungsstätte widerspiegelten. Zur selben Zeit studierte auch Rebecca Warren am Goldsmiths College, nämlich von 1989 bis 1992.

Doch anders als für viele ihre Studienkollegen, war die akademische Vorgehensweise und die interdisziplinäre Lehre des Instituts für Rebecca Warren nicht der richtige Weg. In einem Interview mit Lizzie Carey-Thomas im Rahmen des Turner Prize Artist‘s Talk erklärt die Künstlerin dass ihr Konzept nicht eine Theorie sein könne, sie brauche vielmehr einen Ansatz der sie berühre. Rodin und de Kooning seien ihr erst wieder nach dem College in Erinnerung gekommen und sie habe wohl eher eine Neigung für den Ausdruck als für die Theorie als Ausgangspunkt ihres Schaffens. 1

Rebecca Warren positioniert sich hierdurch ganz bewusst in die Tradition der expressiven Skulptur. Doch mit den hier ausgestellten Arbeiten, die eigens für den Kunstverein als Werkkomplex entwickelt wurden, beschreitet sie einen neuen, ihren eigenen Weg.

Die Exponate lassen sich in drei Gruppen aufteilen, die in den drei Räumen des Kunstvereins aufgeteilt und dadurch optisch voneinander getrennt sind: Skulpturen aus ungebrannten Ton auf pastellfarbenen Sockeln im ersten Raum, eine Aufreihung bemalter und lackierter Bronzen im großen Saal und die Assemblagen im letzten Raum. Die Aufstellung ist keinesfalls willkürlich. Bewusst schafft die Künstlerin Wege, Gruppen, Distanzen, und Verbindungen zwischen und mit den Skulpturen. Der Besucher wird durch die Ausstellung geführt, jede Platzierung hat hier Bedeutung. 

Some Mothers of Invention, 2013, clay on painted MDF plinths , so der Name der Installation von insgesamt 9 Skulpturen aus ungebrannten Ton im ersten Raum:

 

(Bild wurde urheberrechtlichen Gründen entfernt)

 

Die Arbeiten ruhen auf pastellfarbenen Sockeln , die mal mint-grün, mal zart-rosa oder auch beidfarbig gestaltet sind. Auch in Höhe und Form sind sie unterschiedlich: einige haben kleine Vorsprünge, andere sind schmal und hoch und wieder anderen haben eine kubische Form. Drei etwas größere, fast runde Tonskulpturen sitzen zusätzlich auf einer unbemalten, natur-belassenen Holzplatte, ähnlich wie man sie in einem Künstlerstudio oder in einer Werkstatt erwarten würde. Die Oberfläche dieser beiden Arbeiten ist, im Gegensatz zu den anderen in diesem Raum befindlichen Skulpturen, glatt und weist bis auf die Standfläche eine einheitliche Rundung auf. Nur jeweils ein einzige Merkmal reicht aus, um sie zu unterscheiden: Zwei besitzen je einen Nippel, die dritte eine Spalte, wie sie bei einem Gesäß vorkommt.

 

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Die weiteren Arbeiten in diesem Raum sind dagegen mehr oder weniger amorph. Grobe Blöcke, unförmige Schalen und Haufen aus ineinander verflochtenen Tonstreifen bestehen jeweils als Pärchen und komplementieren sich gegenseitig.  Das Material, der ungebrannte, weiss-graue Ton, zusammen mit der lebendigen, expressionistischen Bearbeitung der Oberfläche verleihen den Skulpturen den Anschein von etwas Unvollendetem, oder auch von „work in progress“. Es scheint als könne die Künstlerin jeden Moment den Raum betreten, um an den Skulpturen zu arbeiten, die Oberfläche zu glätten, noch etwas hinzuzufügen oder die Formen zu verändern. Die Skulpturen wirken hierdurch lebendig und dynamisch, und sind damit weit entfernt von den oft so statischen Gebilden die uns sonst begegnen.

 

(Bild wurde urheberrechtlichen Gründen entfernt)

 

Den Tonarbeiten ebenbürtig ist ihr jeweiliger Sockel. Bemalt und konstruiert ist er bis ins Detail akkurat ausgearbeitet. Er dient nicht nur der Präsentation oder der Vermittlung, sondern ist wichtiger Teil der Arbeit selbst. Während Auguste Rodin (1840 - 1917) die Skulptur vom Sockel holte, um sie auf Augenhöhe zu präsentieren und Constantin Brancusi (1876 - 1957) ihn in seine Arbeit integrierte, verstehe ich bei Rebecca Warren den Sockel als Element der Verortung: Er gibt der Skulptur den ihr bestimmten Raum und Bezug. Die Aufwertung des Sockels durch die künstlerische Gestaltung ermöglicht es den Arbeiten miteinander zu kommunizieren und in Verbindung zu treten. Sie bilden Gruppen und Achsen, entfernen sich und kommen zusammen. Gleichzeitig erlaubt das zarte Rosa und das helle Grün der Unterbauten den Arbeiten im Raum zu schweben. Sie wirken dadurch leicht, ja fast schwerelos. 

Ganz anders verhält es sich bei den totem-artigen Bronzen im nächsten Raum. Sieben hintereinander, auf einer geraden Linie aufgereihte und unterschiedlich farbige, überlebensgroße Skulpturen stehen allein im Raum. Vielleicht sind es ihre Titel, oder auch ihre Aufstellung, die mich an eine Ahnengalerie denken lassen: Zwei, Drei, Vier, Sechs, Fünf, Eins, und Sieben entstanden alle in 2013 und sind handbemalte Skulpturen aus Bronze, die nach der Reihenfolge ihrer Entstehung benannt sind. Durch die farbige Lackierung ist von dem kühlem Material nicht mehr viel spürbar. Der Lack akzentuiert die Weiblichkeit der Oberfläche: Hier und da erkennt man die Rundung einer prallen Brust, glaubt einen wohlgeformten Po zu sehen oder ein verzerrtes Gesicht, welches sich aus dem Guss herauszuwinden scheint. 

 

(Bild wurde urheberrechtlichen Gründen entfernt).

 

Die Figuren sind jeweils durch einen breiten Fuß mit dem Boden fest verankert und beanspruchen den ihnen bestimmten Platz in einem Raum, der wie für sie gemacht erscheint. Die hohen Wände im ersten Stock des Kunstvereins ermöglichen es den nach oben strebenden Skulpturen zu wirken, während das natürliche Oberlicht ihnen eine Bühne, wie im Theater bereitet.

Und noch etwas fällt auf: Die Figuren ähneln sich. Fast möchte man meinen sie seinen aus einem Guss entstanden, dabei hat jede Skulptur ihre eigenen, unverwechselbaren Merkmale. Bewusst spielt die Künstlerin mit dem ihrem Werk immanenten Thema der Verdoppelung, oder Spiegelung. Sie selbst nennt diesen Prozess auch Diffusion. Es entstehen Klone des Originals, mit kleinen Abweichungen. Bestimmte Merkmale werden neu entwickelt oder rückgängig gemacht, es wird angefügt und abgetragen und kann so letztendlich in etwas Neuem münden. 

„In diesem Prozess passieren viele Dinge“, vor allem aber, so beschreibt es die Künstlerin „hat sich die Zeit bewegt“.2 Wie ist dies zu verstehen? Rebecca Warren erklärt, „dass in der merkwürdigen Verdoppelung dieser Skulpturen auch die ganze Zeitlichkeit an einen neuen Ort verrückt worden zu sein scheint“.Im weiteren Verlauf des Interviews vergleicht sie diese Zeitlichkeit mit dem Stillstand einer bestimmten Filmszene die in unserem Kopf zu etwas „Unverrückbaren“ wird, also zeitlich zum erliegen gekommen ist. 

Diesem Gedanken zu Grunde könnte die Vorstellung der Zeit als vierte Dimension liegen: Ein Objekt nimmt in einem Raum nicht nur die uns geläufigen drei Dimensionen von Höhe, Breite und Länge ein, sondern ist um eine vierte Dimension reicher: Es ist seine Ausdehnung in der Zeit, seine Dauer. Man kann sich die vierte Dimension noch besser vorstellen, wenn man sich vor Augen führt, dass zwei Menschen ohne die Dimension der Zeit in einen ausgedehnten Raum sich wohl nie treffen würden. Bereits seit Einstein wissen wir, dass die Bewegung eines Objekts durch den Raum unweigerlich auch seine Bewegung durch die Zeit beeinflusst.

Auf die Verdoppelung der Skulpturen angewendet bedeutet dies nun, das sich nicht nur das Volumen der Skulptur, seine dreidimensionale Fläche vervielfältigt hat, sondern auch seine zeitliche Verortung neu entstanden ist. Der Betrachter wird somit gezwungen sich der Skulptur, auch zeitlich anzunähern: Das Wahrnehmen der Skulptur richtet sich nicht auf das abgeschlossene dreidimensionale Objekt, sondern erweitert sich auf das Neu-erfahren in einem zeitlich erweiterten Raum.

 

(Bild wurde urheberrechtlichen Gründen entfernt).

Im letzten Saal stellt die Künstlerin ihre Assemblagen aus. Karpenter, 2013 besteht aus zwei nach vorne hin offenen Holzvitrinen, in denen sich Stücke von Spiegel und Glas, jeweils einer runden Kugel aus Ton, Styropor, Wollpuschel, Papier und Holz befinden. Die Vitrinen sind an der offenen Seite mit einer nach unten verlängerten Glasscheibe bedeckt, jedoch nicht verschlossen. Obenauf liegen vereinzelte Gegenstände: ein Nagel, Wollfäden und Watte. Der Titel der Arbeit bezieht sich auf Karen Carpenter, die Leadsängerin der Pop Band The Carpenters, die aufgrund ihrer Magersucht bereits mit 32 Jahren verstarb. Ähnlich wie in ihrer Arbeit Stepford, 2013 - ein Verweis auf den Film „Die Frauen von Stepford“, in dem eine Frau geklont und umgebracht wird, während ihr Klon weiterlebt- geht es hier wiederum um das Thema des Ersetztens des Originals mit einer Kopie. Rebecca Warren sagt zum Herstellungsprozess ihrer Skulpturen und in Bezug auf die Assemblagen im Interview mit Bart van der Heide:

„Das Auslöschen oder Ersetzten durch eine Zweitauflage des Originals (wie im Falle des verhungerten Körpers der magersüchtigen Karin Carpenter oder der mechanischen Version der Frauen von Stepford) wirft ein Licht auf diesen Prozess: Dabei geht es um die Vorstellung, Dinge dadurch zu perfektionieren, indem man ihnen eine zerstörerische Missachtung entgegenbringt.“ 4

Es scheint also, dass die Vitrinen im hintersten Raum alles Vorangegangene bestätigen und erklären möchten. Letztendlich muss ich mir jedoch eingestehen, dass ich längst nicht alles in Rebecca Warrens Arbeit erfasst habe, denn ihr Werk ist überaus komplex und erschliesst sich auch dem aufmerksamen Betrachter nicht gleich beim ersten Hinsehen. Die Künstlerin ist manchmal auf ihre Bezüge und Verweise auf Positionen der Kunstgeschichte reduziert worden. Ich bin jedoch der Meinung, dass sie die Tradition der Skulptur auf eine sehr kluge Weise durch ihrer Arbeit hinterfragt. Sie rezitiert nicht, sondern forscht nach dem Wahrheitsgehalt der mannigfaltigen künstlerischen Ansätze und fügt Neues hinzu.

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1. Quelle: www.tate.org.uk/context-comment/video/turner-prize-artists-talk-rebecca-warren

2. Rebecca Warren im Gespräch mit Bart van der Heide, abgedruckt: Begleitheft zur Ausstellung, 2013.

3. ebd.

4. ebd.


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