• Twitter
  • Facebook

Ein Kunstblog für München







 

Museum of Happiness I, 2012. © N.A. Märkl, courtesy Galerie MaxWeberSixFriedrich

 

Absonderliche Wesen bewohnen Nina Annabelle Märkls Welten aus Papier, Tusche, Bleistift und manchmal auch anderen Materialien. Fünf großformatige und gerahmte Zeichnungen bilden den Kern der aktuellen Ausstellung "Museum of Happiness" in der Galerie Max Weber Six Friedrich

Nina Annabelle Märkl zeichnet. Vor allem aber verbindet sie einzelne gezeichnete Fragmente zu einer zusammengesetzten Figuration. Die Künstlerin fügt, unserem Auge bekannte, architektonische, geometrische, florale und menschliche Elemente in einer Weise zusammen, daß eine surreale Struktur entsteht. Der Betrachter, der durch Konventionen gelernt hat gewisse Formen mit einem bestimmten Sinn zu verbinden, glaubt  in dieser zusammengefügten Struktur Fabelwesen und Ähnliches zu erkennen. 

Die Künstlerin geht mit den gezeichneten Linien um, als wären es sprachliche Zeichen. Sie fügt sie aneinander und gestaltet so einen Bedeutungsträger, ähnlich wie Buchstaben, die nur zusammen einen Satz ergeben. Märkl benutzt die fragmentarischen Einzelzeichnungen wie, so sagt sie selbst, einen "(...) zeichensprachlichen Bausatz, in dem die jeweilige Zeichnung zwar einzelnes Kunstwerk und somit autonom blieb, aber zugleich Teil eines größeren sprachlichen Systems wurde (...)". 1

Dysfunktionaler Automat, 2012. © N.A. Märkl, courtesy Galerie MaxWeberSixFriedrich

Allerdings gibt die Künstlerin den Fragmenten einen neuen Sinngehalt, eine andere Konnotation, so als würde sie eine neue Sprache erfinden: Hände werden zu Zehen, menschliche Köpfe zu Händen und ein angewinkeltes Bein kann auch mal einen Mund bezeichnen. Sie raubt den Dingen ihre ursprüngliche Bedeutung und definiert sie neu. 

Erst das Medium der Zeichnung erlaubt der Künstlerin so vorzugehen. Denn die gezeichnete Linie selbst ist nichts, was man der Natur entnehmen kann. Sie stellt für sich alleine nichts dar: weder ein Außen noch ein Innen oder ein Ding an sich. Sie ist allein Grenze und unterscheidet den Körper vom Nicht-Körper, das Innen vom Außen. Die Linie selbst ist also Ausdruck vollkommener Abstraktion und kann nur deshalb Bedeutungsträger für Vielerlei sein. In Märkls Bildwelten ist, aus dem selben Grund, auch der leere Raum von Bedeutung. In Abwesenheit von Schraffuren stellt er sowohl Fläche als auch Raum im Sinne von Örtlichkeit dar. Der Raum verortet die einzelnen Elemente, er isoliert sie und gibt den Dingen eine zeitliche Dimension. Sorgfältig ausgeschnittene Flächen, sogenannte "cut-outs", die hinterlegt mit Kupferplatten eine Dreidimensionalität auf einer ansonsten zweidimensionalen Fläche schaffen, verdichten noch einmal den Eindruck von Räumlichkeit und Dimension.

Sie entziehen sich ihrer Fixierung, 2012. © N.A. Märkl, courtesy Galerie MaxWeberSixFriedrich

Märkls Arbeiten sind ohne Zweifel außergewöhnlich und sehenswert. Sie haben Ausdruck, erzeugen Emotionen und lassen eine starke Dynamik erkennen. Ihr Ansatz, die der Zeichnung an sich immanente Abstraktionsleistung weiterzuführen, indem sie bekannte Formen mit einer neuen Bedeutungen belegt und hiermit das menschliche Gehirn erfolgreich täuscht, ist meiner Meinung nach eigentlicher Verdienst dieser Arbeit.  Die Künstlerin  durchbricht die visuellen Konventionen, indem sie die kognitive Fähigkeit des menschlichen Gehirns, nämlich Informationen entsprechend unserer Erwartung zu interpretieren, ausnutzt. Indexikalische sowie ikonographische Zeichen, wie zum Beispiel die Umrisse eines menschlichen Beins, werden an die Stelle gesetzt, an der wir einen Mund erwarten. Auf den ersten Blick erkennen wir das Bein nicht, sondern sehen nur den Mund (vgl. Museum of Happiness I, 2012). 

Die innere Struktur eines Bildes, mit seinen strukturbildenden Elementen, den Linien und Flächen, macht die Bildsprache aus. Das Lesen eines Bildes kann, genauso wie das Lesen einer Schrift, als ein kontinuierlicher Prozess angesehen werden: unser Gehirn sagt vorher, was gesehen werden sollte, es füllt die Lücken und inerpretiert was es sieht. Und so wie wir Sprache als Folge von Wörtern erfassen und Musik als Folge von Tönen, so begreifen wir auch ein Kunstwerk nur als Folge von Einzelbildern. 

--

1. vgl. " ...die Filterung Spezieller Situationen..." ein Email Dialog zwischen Nina Annabelle Märkl und Florian Matzner, Juni 2010, Quelle: http://ninamaerkl.com/category/texte


Zurück

newsletter