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Ein Kunstblog für München







 

Die De Martino Gallery existiert noch nicht lange in München. Erst im Oktober 2012 eröffnete sie in der Theresienstrasse 56b und ist mit ihrer dritten Ausstellung bereits fester Bestandteil der Münchener Kunstszene. Mit erfrischender Professionalität führen hier zwei Frauen mit Erfolg Regie: In dieser Galerie fühlt man sich nicht als ungebetener Gast, sondern wird von einer Mitarbeiterin empfangen, die gerne jede Frage beantwortet und den von der Galerie zu jeder Ausstellung verfügbaren Katalog bereit hält. Heute ist es der Katalog zu der Ausstellung „Stripping The Past“ des Künstlers Lou Jaworski, Student der Fotografie (Fotoklasse Prof. Dieter Rehm, Akademie der Bildenden Künste, München) den ich in Händen halte, während ich seine Arbeiten betrachte.

Die im Sinne eines „white cube“ gehaltenen Räume der Galerie sind mystisch verdunkelt. Das Licht ist abgeblendet und so entsteht eine Atmosphäre, die es den Exponaten gestattet von sich heraus zu leuchten. Besonders die Serie MOUNT, im August 2010  in den Alpen entstanden, hat es mir angetan. In strahlendem Blau und Grau hat Lou Jaworski Berglandschaften abgelichtet und auf verschiedenen Ebenen abstrahiert. Durch die Spiegelung des Motivs, die Wahl des Bildausschnitts und die Farbgebung entstehen abstrakte Gebilde, die nur noch entfernt an die Landschaften der Alpen erinnern. Der Betrachter nimmt zunächst nicht die Natur wahr, sondern konzentriert sich auf die Linienführung: mal mäandergleich, mal pastös und vielschichtig, oder auch flächig, durchziehen schwarze Linien eine tief blaue Fläche. Auf einem anderen Bild der gleichen Serie sind es helle Flächen mit scharfen Kanten, die das Blau durchbrechen. Erst beim zweiten Hinsehen erkennt man die Bergwelt mit ihren Gipfel, Spalten und Kanten. Was ich zunächst als Flächen und Linien begriff, entpuppt sich letztendlich doch als Landschaft. Ich bin begeistert und enttäuscht zugleich: Ersteres, da sich mein Auge erfolgreich täuschen ließ, Letzteres weil ich keine Landschaften sehen wollte.

Dem Künstler gelingt diese Täuschung, weil er malerische Mittel einsetzt: Am auffälligsten ist die farbliche Veränderung: das tiefe Blau assoziiert der Betrachter nicht mit der Darstellung von Natur und lässt sich bereits hierdurch in die Irre führen. Die Veränderung der Farblichkeit verstärkt auch den Kontrast. 

Dazu kommt, das Lou Jaworski den Raum gestaltet. Durch eine mechanische Konstruktion erhält er eine Spiegelung der Landschaft auf horizontaler Ebene. Die Abbildung verliert demzufolge den für eine Landschaftsabbildung oft so wichtigen Vorder-, Mittel- und Hintergrund. Denn erst durch dieses künstlerische Gestaltungselement erhält eine solche Fotografie eine gewisse Tiefe und ahmt die Dreidimensionalität der Realität nach. Bewusst löscht Lou Jaworski diesen Effekt aus: Sein Hintergrund ist gleichzeitig unmittelbarer Vordergrund. Die Bildmitte, da also wo sich Realität und Spiegelung in der Abbildung treffen, ist dem Betrachter am nächsten; hier verweilt sein Blick und vielleicht liegt hier die Essenz der Bergwelt, von der die Kuratorin der Ausstellung, Frau Dr. S. Lechner, im Katalogtext schreibt. 

Indem sich der Fotograf Mittel der Malerei bedient, erhalten die Arbeiten eine piktorale Qualität. In der Kunst war eine solche Tendenz erstmals bei László Moholy-Nagy zu erkennen. Während der 20er Jahre des vorherigen Jahrhunderts experimentierte Moholy-Nagy mit Licht als Grundlage der Kunst: Auch Malen sollte von nun an ausschließlich mit Licht und nicht nur mehr mit Farben möglich sein. Auf seinen Fotogrammen – er arrangierte Gegenstände direkt auf Fotopapier und setzte sie dem Licht aus – erkennt man schemenhaft die Kanten und Schatten, die zarten Verläufe der Linien und die Kontraste der Gegenstände, die sich zu einem Stilleben zusammen fügen. Während Moholy-Nagy den fotografischen Prozess  auf seine Grundlage reduzierte und sodann eine Art von Konstruktivismus betrieb, ist der Hauptstrom der Fotografie dokumentarischer Natur geblieben. 

Hier ist auch Lou Jaworski einzuordnen. Obwohl er sich in seinen Bilderwelten der Abstrahierung bedient, beruhen seine Fotografien weiterhin auf der Abbildung einer realen Begebenheit. Die Bilder sind dekorativ und beeindrucken auf den ersten Blick durch ihre farbliche Sinnlichkeit und Leuchtkraft. Heben sie sich jedoch von der Flut der piktoralen Fotografie besonders hervor? Ich bezweifle hierbei nicht die Ästethik und den Ausdruck der Werke, über die sich streiten ließe. Ich hinterfrage allerdings die Relevanz der künstlerischen Arbeit, die sich noch beweisen muss. 

Da der 1980 in Polen geborene Fotograf noch am Anfang seines künstlerischen Schaffens steht, bleibt abzuwarten wie sich sein Werk in der Zukunft entwickelt.


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