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Ein Kunstblog für München







Der Turner Prize 2013 ist gleich in mehrfacher Hinsicht aussergewöhnlich: Zum ersten Mal in seiner Geschichte (er wurde 1984 ins Leben gerufen und in London von der Tate Gallery veranstaltet) wird er nicht in England, sondern in Derry/Londonderry in Nordirland organisiert und vergeben. Gleichzeitig ist Derry die erste UK CITY OF CULTURE, eine 2009 initiierte Bezeichnung, die 2013 erstmals vergeben wurde und an Liverpools Zeit als EUROPEAN CAPITAL OF CULTURE anknüpft. Dort wird die Ausstellung der nominierten Künstler nicht in einer etablierten Galerie statt finden, sondern in einer umgebauten Militärbaracke. Dies und auch die Tatsache, dass ein Künstler unter den Nominierten ist, den ich favorisiere und der schon den Deutschen Pavillon der Venedig Biennale bespielt hat, möchte ich zum Anlass nehmen, die potenziellen Preisträger vorzustellen.

 

LAURE PROUVOST

 

Laure Prouvost, Installation view: "Wantee"
, (Bild wurde urheberrechtlichen Gründen entfernt)

Die in London lebende und in Frankreich 1978 geborene Künstlerin, Laure Prouvost ist für ihre Arbeit "Wantee" und die zweiteilige Installation "Farfromwords" für den Turner Prize nominiert. Beide Arbeiten beinhalten sorgsam inszenierte Environments aus Malerei, Skulptur, Text und Video. Die überladenen Szenerien laden den Betrachter dazu ein, in das Geschehen einzutauchen und sich diesem  vollkommen hinzugeben. "Wantee" ist eine ergreifende und doch verspielte Erzählung über das unstete Leben eines exzentrischen Künstlers, der mit den üblichen Klischees eines Künstlers kämpft. Während er sich nach Ruhm sehnt, werden seine künstlerischen Werke von seiner Frau als Küchenutensilien missbraucht.

"Farfromwords" ist dagegen inspiriert von der Ästhetik und den sinnlichen Freuden Italiens, wo sich Prouvost als Teil des Max Mara Art Prize for Women, den die Whitechapel Gallery der Künstlerin 2011 verlieh, aufhielt. Auf einer zylindrisch aufgebauten Wand, verteilen sich Bilder, Collagen und Videoinstallationen. Durch eine Öffnung sieht man die Arbeit "Swallow" auf einem Monitor, die mit einer Abfolge von zum Teil hyper-sinnlichen Bildern, das "Gefühl von Sonnenstrahlen auf der Haut" vermitteln soll, so die Künstlerin in einem Interview.


Laure Prouvost, Installation view: "Farfromwords"
, (Bild wurde urheberrechtlichen Gründen entfernt)

Prouvost geht es in ihren Arbeiten oft um die Idee der direkten Kommunikation, wobei der Betrachter selbst entscheiden kann, was er aufnimmt, sieht und erlebt. Die Künstlerin gibt eine Vision vor, der Zuschauer macht sich das Bild und so geht es letztendlich um die Frage: was sehen wir, was ist real und was ist reine Suggestion?

 

TINO SEHGAL

Tino Sehgals Arbeiten beruhen ausschließlich auf zwischenmenschlicher Interaktion. Nach seiner Regie, inszenieren Interpreten konstruierte Situationen und konfrontieren den Besucher. So entsteht ein direkter Diskurs zwischen der Performance selbst und dem Galeriebesucher. Die Intensität dieser Erfahrung ist besonders, denn im Kunstkontext von Performern adressiert und dabei selbst in diesen Kontext mit einbezogen zu werden, ist für den Besucher oft irritierend oder auch beschämend. Für den Künstler gilt es den Raum der Begegnung, den Raum zwischen den Menschen zu erforschen. Sehgal gilt heute in der Kunstwelt als Philosoph und da man seine Arbeiten weder filmen noch fotografieren darf, kann es auch hier kein Foto geben.

Für den Turner Prize 2013 entschied sich Sehgal für ein Stück aus dem Jahre 2003: "This is Exchange". Man kommt in einen Raum und trifft auf ein oder zwei Darsteller, die bei Sehgal "Interpreters" heißen. Sie begrüßen die Besucher und sagen: "Dies ist ein Kunstwerk von Tino Sehgal und heißt 'This is Exchange'. Das Werk ist ein Angebot, das ich Ihnen machen möchte. Sie können einen Teil Ihres Eintrittsgeldes zurückbekommen, wenn Sie mir Ihre Meinung zum Thema Marktwirtschaft sagen und sich auf ein Gespräch einlassen. Möchten Sie das Angebot annehmen?"

Sehgal gestaltete 2005 zusammen mit Thomas Scheibitz  den deutschen Pavillon der 51. Biennale von Venedig und gewann 2013 den Golden Löwen, als Bester Künstler der 55. Biennale für seinen Beitrag in der Hauptausstellung "Il Palazzo Enciclopedico".  2012 nahm er an der Documenta 13 in Kassel teil.


DAVID SHRIGLEY


David Shrigley, "Life Model" 2012 (Detail) (Bild wurde urheberrechtlichen Gründen entfernt)

In Derry/Londonderry inszeniert David Shrigley einen Kurs für Modellzeichen. Eine groteske, nackte, männliche Figur, die ab und zu in einen Eimer pinkelt und mit den Augen zwinkert, steht mitten im Raum. Zeichenutensilien, Staffeleien und Stühle fordern den Besucher auf, sich zu engagieren und die Figur nachzuzeichnen. "Life Model" von 2012 ist das Kernstück Shrigleys Installation für den Turner Prize. 

 

David Shrigley, "Life Model" 2012 (Installation) (Bild wurde urheberrechtlichen Gründen entfernt)

Der 1968 in Macclesfield, England geborene Künstler ist vor allem für seine comicartigen Zeichnungen bekannt, die voller Ironie und schwarzem Humor auch schon mal als Video der britischen Rockband Blur dienten und Jason Mraz's  Album "we sing, we dance, we steal things" zierten.  Auf den ersten Blick sehen Shrigleys Zeichnungen weder nach Kunst, noch nach Comics aus. Die einfachen Formen und der krakeliger Stil ist gewollt und verstärken die Ironie der angedeuteten Wahrheiten, die immer einen sozialkritischen Standpunkt  beinhalten. "Life Model" lädt uns ein, auch einmal "Shrigleys" zu machen. Die Absurdität dieser Arbeit stellt Fragen nach dem Sinn und dem Wesen zeitgenössischer Kunst auf, sowie dessen Rezeption durch den Betrachter. Shrigley lässt den Besucher dessen eigene Sicht des Kunstwerkes auf ein Blatt Papier bringen und damit Teil der Ausstellung werden.

 

LYNETTE YIADOM-BOAKYE

 

Lynette Yiadom-Boakye, Installation view,(Bild wurde urheberrechtlichen Gründen entfernt)

Lynette Yiadom-Boakye repräsentiert die Malerei unter den Nominierten des diesjährigen Turner Prize. Die in London geborene Britin (*1977) ist ghanaischer Abstammung und beschäftigt sich mit dem Mensch als Motiv. Die Bilder dunkelhäutiger Protagonisten entstehen immer innerhalb eines Tages und aus der Erinnerung. Sie sind fiktiv und eher Kompositionen als Portraits. Alle dargestellten Personen scheinen ihrer Zeit und ihrem Umfeld entrissen zu sein. Isoliert von Ort und Zeit, verraten sie nur wenig über das Dasein der Protagonisten. Oft scheinen die Menschen in ihren Bildern mit dem Hintergrund zu verschmelzen und nur wenige weisse Flächen reichen aus, um den Betrachter zu fesseln und in das Bild zu führen, um sich mit der Narration der spärlichen Hinweise zu befassen. Obwohl oder gerade weil auch der Ausstellungsraum in Derry/Londonderry düster und abgedunkelt ist, verbreiten die Exponate Hoffnung und Schönheit. 

 

Lynette Yiadom-Boakye, "Strip Lit", 2012, (Bild wurde urheberrechtlichen Gründen entfernt)


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