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Ein Kunstblog für München







Kann Larry Gagosians Feststellungsklage über die Eigentumsverhältnisse einer 100 Millionen Dollar Skulptur von Picasso den Kunsthandel nachhaltig verändern?

Larry Gagosian gehört zu den mächtigsten Galeristen der Welt. Sein Jahresumsatz wurde allein für 2015 auf 652 Millionen US Dollar beziffert. Was er dafür zu tun bereit ist, darüber konnte bisher nur spekuliert werden. Doch wirklich geschadet haben ihm diese Spekulationen bisher nicht. Dies könnte sich bald ändern. Denn nun ist ein Verfahren anhängig, welches es in sich hat die Machenschaften dieses globalen Powerplayers des Kunsthandels offenzulegen. Seit Dezember letzten Jahres ist am US District Court in New York eine Klage anhängig in welcher die Firma Gagosian Gallery Inc. als Kläger auftritt. Es geht augenscheinlich um die Eigentumsverhältnisse an einer Skulptur von Pablo Picasso aus dem Jahre 1931 (Buste de femme (Marie Thérèse) und es geht um sehr viel Geld. Genauer gesagt um 105.8 Millionen US Dollar. Doch dieses Verfahren wird wohl nicht nur die Eigentumsverhältnisse an einer Skulptur klären. Vielmehr ist zu erwarten, dass der Rechtsstreit Licht auf die undurchsichtigen und meist geheim gehaltenen Umstände und Abmachungen solch privater Mega-Verkäufe im Kunsthandel werfen wird und damit die nebulösen Übereinkommen des privaten Kunsthandels zumindest in diesem Fall offengelegt werden könnten.

Hintergrund der Klage ist, sowohl Gagosian als auch Guy Bennett (ehemals Christies Mann für Moderne Kunst und Impressionismus, inzwischen zuständig für die Sammlung der königlichen Familie von Qatar) behaupten, sie seien Eigentümer der Skulptur. Gagosian trägt vor, er habe die Arbeit im Auftrag eines New Yorker Sammlers gekauft, der anonym bleiben möchte, während Pelham wohl für Sheik Jassim bin Abdulaziz al-Thani aus Qatar tätig wurde. Folgender Sachverhalt ist der mir vorliegenden Klageschrift zu entnehmen:

Maya Widmaier-Picasso, Tochter von Marie-Thérèse Walter und Pablo Picasso, verkaufte die Skulptur zunächst im November 2014 durch einen Mittelsmann, die Connery Pissaro Seydoux Gruppe (CPS), an die von Guy Bennett gegründete Pelham Europe Ltd.. Die Parteien handelten zusammen mit Mayas Sohn, Olivier Widmaier-Picasso, einen Kaufpreis von 38 Millionen Euro (ca. 42 Millionen USD) aus, welcher in 3 Raten an Maya bezahlt werden sollte. Erst nach der Zahlung der dritten Rate würde das Eigentum an den Käufer übergehen. Vorher sollte Pelham keinerlei Rechte an der Skulptur erhalten. Der Zahlungsplan wurde in der Vereinbarung wie folgt festgelegt:

  1. 01. Dezember 2014 : 1.900.000 Euro
  2. 15. Januar 2015:       4.100.000 Euro
  3. 20.April 2015:          32.000.000 Euro

Bevor jedoch die dritte Rate bezahlt werden konnte, kündigte Maya am 10. April 2015 den Vertrag mit Pelham auf Anraten ihrer Tochter Diana Widmaier-Picasso und zahlte prompt die beiden ersten Raten an CPS zurück, welche wiederum das Geld an Pelham weiterleiteten. Soweit scheint der Vorgang unstrittig.

Gagosian behauptet nun aber, er sei der rechtmäßige Eigentümer, denn Maya habe ihm die Skulptur frei von Lasten im Mai 2015 verkauft.  Er habe die Skulptur im Übrigen bereits an den bereits erwähnten anonymen New Yorker Sammler weiterveräußert. Das Eigentum sei am 2. Oktober 2015 mit Zahlung einer dritten Rate (75 % des Kaufpreises von 105.8 Millionen USD) auf ihn übergegangen. Als Beweis hierfür legt Gagosian bisher nur eine Rechnung, nicht jedoch den eigentlichen Kaufvertrag vor. Ein Kaufpreis über 100 Millionen US Dollar sei angemessen gewesen, da bereits 2011 anlässlich einer Ausstellung in Gagosians Galerie in Chelsea mehrere Angebote über 100 Millionen Dollar eingegangen waren. Gagosian deutet in seiner Klageschrift ferner an, dass der weit unter dieser Marge liegende Kaufpreis aus dem Pelham-Vertrag gegen die guten Sitten verstoßen und der Vertrag aus diesem Grunde bereits nichtig sein könnte.

Seine Argumentation stützt der Galerist aber vor allem auf die Tatsache, dass in dem Vertrag zwischen Maya und Pelham (vertreten durch CPS) vereinbart wurde, dass das Eigentum erst mit voller Bezahlung des Kaufpreises übergehen sollte und dies nie geschehen sei. Ausserdem habe Pelham die Rückzahlung der ersten beiden Raten angenommen. Daraus schließt Gagosian dass Pelham nie Eigentum aus dem Vertrag erlangt habe. Zudem sei der Galerist zum Zeitpunkt seines Eigentumserwerbs bezüglich der Rechte an der Skulptur in "Guten Glauben" gewesen, denn erst als Pelham Ende Oktober 2015 sich mit einem Brief an ihn wandte, habe Gagosian von möglichen Vorrechten der Pelham Ltd. an der Skulptur erfahren. Inzwischen klagt Pelham an 3 Gerichten (Schweiz, Frankreich und New York) auf Herausgabe der Skulptur, Annahme des Kaufpreises durch Maya und Offenlegung der Vorgänge bezüglich der Vereinbarung zwischen Gagosian und Maya.

Zur Zeit befindet sich Buste de femme (Marie Thérèse), 1931 im Museum of Modern Art in New York und wird in der noch bis zum 07. Februar andauernden Ausstellung "Picasso Sculpture" gezeigt. Was danach mit ihr passiert, ist noch vollkommen offen. Wie bereits erwähnt, beruft sich Gagosian vor Allem darauf, dass er das Eigentum von Maya Widmaier-Picasso erlangt habe. Da das Eigentum auch noch nicht an Pelham übergegangen war, konnte Maya ihm auch Eigentum verschaffen. Wie sieht es jedoch mit der Anwartschaft aus, die Pelham aus dem früheren Vertrag mit Maya erlangt hatte? War der Pelham-Vertrag einseitig durch Maya kündbar? War der Vertrag vielleicht sogar von Anfang an wegen Sittenwidrigkeit nichtig? Das wäre unter Umständen dann der Fall, wenn ein auffälliges Missverhältnis zwischen Leistung und Gegenleistung bestünde und Pelham sich ein mangelndes Urteilsvermögen der 80-jährigen Maya zunutze gemacht hatte. Wie aber wird der Marktwert einer solchen Skulptur überhaupt ermittelt und gab es die ominösen Bieter aus dem Jahr 2011 tatsächlich? Wenn der Vertrag allerdings gültig war und man all die vorstehenden Fragen ablehnt, kann dann die Annahme der Rückzahlung des Kaufpreises an Pelham als eine einvernehmliche Rückabwicklung gedeutet werden? 

Wenig ist bisher bekannt über die Vereinbarung zwischen Gagosian und Maya: Was genau wurde zwischen den beiden verabredet? Wußte der Galerist vielleicht bei Vertragsabschluss bereits, dass es Vorrechte gab? Er behauptet: Nein. Doch welche Sorgfalt hat Gagosian bezüglich seines Guten Glaubens angewendet und war dies ausreichend. Hätte er vielleicht eigene Nachforschungen anstrengen müssen, um sicherzustellen, dass die Skulptur frei von Rechten Dritter ist? Gab es seitens des Verkäufers (Maya) Zusicherungen bezüglich der Eigentumsrechte an der Skulptur? Auch dies ist bei Verträgen dieser Größenordnung durchaus üblich. Zudem stellt sich die Frage wie der Kaufpreis von 105.8 Millionen USD ermittelt wurde? Sollte Maya bereits zum Zeitpunkt des Pelham-Vertrages ein mangelndes Urteilsvermögen angelastet werden, so wird man dieses vielleicht auch bezüglich des Gagosian-Vertrages bejahen können, so dass auch dieser Vertrag fehlerhaft war? Sicherlich werden auch möglich Schadensersatzansprüche der Parteien in diesem Fall besprochen werden müssen. 

Der vorliegende Rechtsstreit wirft einige Fragen auf, die es in sich tragen den Kunstmarkt wesentlich zu prägen. Die in Frage stehenden Verträge werden wohl offengelegt und Vereinbarungen bekannt gemacht werden. Dass es im Kunsthandel um imense Werte geht, ist längst bekannt. Das vorliegende Verfahren könnte uns jedoch einen kleinen Einblick in mögliche Manipulationen und Strategien des Marktes verschaffen, welche man bisher lieber geheim gehalten hatte. Gagosian arbeitet seit vielen Jahren eng mit Mayas Tochter, der Kunsthistorikerin Diana Widmaier-Picasso zusammen. Auch die Ausstellung "Picasso and Marie Thérèse" im Jahr 2011 entstand in enger Zusammenarbeit. Beide haben ein großes Interesse daran, anhand der im Zentrum dieses Rechtsstreits stehenden Skulptur ein Exempel bezüglich des Preises zu statuieren.  Bisher waren die Skulpturen im Vergleich zu den Gemälden Picassos eher unterbewertet. Sollte Gagosian den Rechtsstreit gewinnen, würde sich dies schlagartig ändern und sein Jahresumsatz könnte sich weiter nach oben bewegen. Auch Diana, die zur Zeit an einem Catalogue Raisonné über Picassos Skulpturen arbeitet würde deutlich davon profitieren. 

Nachtrag: Am 01. Februar kamen die Parteien zu einer vorübergehenden Einigung: Picassos Buste de femme (Marie Thérèse), 1931 wird nach Ende der Ausstellung im MOMA am kommenden Sonntag temporär in die Galerie von Larry Gagosian verbracht und dort bis zur Entscheidung über den Rechtsstreits verwahrt werden. 

HIER geht es zu einer Abbildung von Buste de femme (Marie Thérèse), 1931 von Pablo Picasso.


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