• Twitter
  • Facebook

Ein Kunstblog für München







 

Image: Fuckface (Kendell Geers), 2007; (Bild wurde urheberrechtlichen Gründen entfernt)

Den Einband des Ausstellungskatalogs ziert eine Fotographie: Fuckface (Kendell Geers), entstand 2007 und ist ein Selbstportrait Kendell Geers. Das Gesicht und der Hals des kriegerisch anmutenden Künstlers sind schwarz grundiert, darauf weiße Schriftzeichen, die sich vertikal über den gesamten Kopf aneinander reihen. Dieses Bild ist auf eine besondere Art wegweisend für die gesamte Ausstellung: es leitet die Retrospektive einen schwarz-weißen Südafrikaners ein, der mit Hilfe seines künstlerischen Werkes untersucht, wie Rassismus, Ideologie, Ethik und Ästhetik mit- und aufeinander wirken können. 

Geers wächst in dem von Apartheid geprägten Johannesburg als weißer Südafrikaner auf und erkennt nach eigenen Angaben bereits sehr früh daß seine Identität, Kultur, und Geschichte unrechtmäßig sind und er sich neu finden muß1.  Seine künstlerische Identität erkennt er in den späten achtziger Jahren vor allem in den Gegenständen des, von Gewalt dominierten Alltags des bereits angeschlagenen Apartheid Regimes. Scherben, Schlagstöcke und Klingendrahtzaun sind Zeugnisse der Zeit und wiederholen sich im Werk des von Buren abstammenden Künstlers bis heute. 

Die Ausstellung führt uns zunächst in einen Vorraum, der von den Ausstellungsmachern als „Archiv“ konzipiert wurde. Vorbei an den Zeugnissen der Apartheid in Form von abgeänderten Postkarten, einer signierten Mandela Maske, Fotografien  und anderen Dokumenten der politischen Phase des Künstlers, schweift der Blick den Treppenaufgang hinauf zu einer blau leuchtenden, spiralförmigen Neon Installation: Manifest aus dem Jahr 2007 fordert den Betrachter schon vor dem Betreten der weiteren Räume zur Reflektion auf: „WHAT DO YOU BELIVE IN?“.

Image: Manifest 2007 

Ich bin irritiert: Als Manifest bezeichnet man allgemein eine öffentliche Erklärung oder programmatische Bekanntmachung oft von politischen Absichten und Zielen. Aber auch in der Kunstgeschichte kennt man Manifeste. Vor allem im frühen 20. Jahrhundert  wird die Bedeutung von Kunst oft durch Manifeste definiert: Das „Manifest des Futurismus“ von Filippo Tommaso Marinetti von 1909 oder auch das „Erste Manifest des Surrealismus“ von André Breton aus dem Jahren 1924 gehören hierzu. Sie haben sowohl konstitutive Funktionen, übernehmen aber oftmals auch die Rolle eines Kommentars zum eigenen Werk. Ein Manifest mit dem Inhalt „What do you belive in?“ (Woran glaubst du?) verwirrt also zunächst einmal. Vielleicht erlangt man Klarheit wenn man den Rest der Ausstellung kennt.

IMAGE: Installationsview von Raum 2

Beim Betreten des ersten großen Saals - das gut gemachte Begleitheft bezeichnet ihn mit „Raum 2: Politik, Südafrika 1988–2000 - verschlägt es mir den Atem und es dauert eine Weile, bis ich mich orientieren kann. Ein raumaufteilender Klingendrahtzaun, (TW (Exported) von 1993) wirkt auf den ersten Blick ästhetisch. Erst bei genauerem Hinsehen wird die Grausamkeit des Materials sichtbar. Auf der Webseite eines Herstellers solcher Sicherheitsdrähte läßt sich folgendes nachlesen: „Klingendraht (auch bekannt als Barrier, Sicherheitsbarrieren, S-Rollen, Sicherheitsdraht) ist die moderne Version von Stacheldraht, um unbefugtes Eindringen zu verhindern. Klingendraht, hergestellt aus hochfestem Draht (mit Standardwerkzeug nicht zu trennen) ist mit vielen rasiermesserscharfen Widerhaken versehen, die in kurzen Abständen angebracht sind. Die Widerhaken haben eine schneidende und festhakende Funktion.“2  Die Verletzungen die beim Überwinden solcher Sicherheitsbarrieren enstehen, möchte ich mir nur ungern vorstellen. 

Kendell Geers sagt in einem Interview mit Okwui Enwezor und William Kentridge, dass er die Strasse in die Galerie zerren wolle, dass dies ein wesentlicher Bestandteil seiner künstlerischen Sprache sei und die schonungslose Konfrontation mit dem Dreck der Strasse dem Galleriebesucher die Augen öffnen müsse3. Was liegt für einen Künstler also näher, als mit Materialien der Strasse zu arbeiten. Das objet trouvé oder auch ready made ist in dieser Schaffensphase des Künstlers ein wesentlicher Bestandteil seiner Arbeit. Geers benutzt industriell hergestellte Objekte, die ihrem ursprüglichen Gebrauchssinn entnommen und als Kunst deklariert werden. So läßt der Künstler auch für das Self Portrait von 1995 einen abgebrochenen Flaschenhals für sich reden: Die Heineken Bierflasche als Symbol seiner eigenen Abstammung: Aus den Niederlanden importiert und somit besser als das einheimische, in Südafrika gebraute Bier. Der wertvolle Inhalt allerdings ist längs verbraucht; übrig bleibt der Flaschenhals, zerschlagen, körperlos, kaputt und dadurch seiner einstigen Bestimmung beraubt. Man könnte sogar noch weiter gehen und behaupten, der Flaschenhals ist nun eine gefährliche Waffe und geeignet seinem Gegner schlimme Schmerzen zuzufügen, ihn vielleicht sogar zu vernichten. In diesem Stück hat Geers seine künstlerische Identität, seine Geschichte und seine Ideologien besonders konsequent umgesetzt. Für mich ist das Selbstportrait von 1995 wohl eines der ausdruckstärksten Stücke dieser Ausstellung, da es ohne die ganz große Geste funktioniert, die vielen Ausstellungsobjekte immanent ist.

Image: Self portrait 1995

Counting Out Song (a.k.a. Tyre) von 1988 befindet sich im selben Raum und gehört wohl zu einer der grausameren Werke, wenn man sich vor Augen führt, dass zu jener Zeit Menschen auf offener Strasse durch das sogenannte „Necklacing“, einer Form des Lynchens, in welcher dem Opfer ein mit Benzin oder Petroleum gefüllter Reifen um den Hals gelegt und angezündet wird:  Zwei große schwarze Lastwagenreifen sind ineinander gestellt, einer am Boden liegend, der andere aufrecht und mit weisser Farbe beschriftet: „eenie meenie miney mo catch a nigger by the toe if he hollers let him go“. Es handelt sich um einen alten, amerikanischer Abzählreim (Kinderreim), der auch heute in abgeänderter Form – „nigger“ wird heute mit „tiger“ ersetzt- noch gebräuchlich ist. 

Image: Counting out song (Tyre), 1988

Die Aussage dieses Werks ist eindeutig. Es beschreibt den zum Alltag gehörenden Wahnsinn einer sich im Ausnahmezustand befindenden Nation. Geers benutzt die Kunst um den Wahnsinn zu benennen. Für ihn, so scheint es, ist sie Sprache des Widerstandes und der Kritik an einem Regime, aber auch an den grausamen Taten des Pöbels. Die Arbeiten des Künstlers sind zu dieser Zeit  sehr, ja fast ausschließlich politisch und sozialkritisch. Dennoch sind sie nicht nur Protest: Das einzelne Werk bleibt ein Kunstwerk. Man erkennt den Einfluß des Europäischen Minimalismus in Werken wie Brick, (1988), die Sprache des von Marcel Duchamp geprägten „Objet trouvé“, und die analytische Herangehensweise der Konzept Kunst in 48 hrs (1997 – 1999). 

Im Jahre 2000 verläßt Geers Südafrika, um nach Europa zu gehen. Seine Formensprache, seine Intention und Einstellung ändern sich scheinbar abrupt. Waren seine in Südafrika entstandenen T.W. Batons, 1994 noch aus Hartgummi, ist eine ähnliche Arbeit aus dem Jahre 2012, Arrested Development (Spiral), aus Murano Glass und verliert mit dem Material wesentlich an Aussagekraft. 

PostPunkPaganPop (2008), ein raumfüllender Irrgarten aus Klingendrahtzaun und Spiegel ist in dem bereits erwähnten Begleitheft der Ausstellung beschrieben. Dort heisst es sinngemäß, der Spiegelboden reflektiere das Oben nach unten, so werde die spirituelle Sphäre mit der irdischen verbunden und die äußere, materielle Welt mit der inneren, metaphysischen... Die Arbeit stehe für den Weg zur Erleuchtung: Man sinne über seine innere, spirituelle Verfassung nach. 

Ich bin allerdings der Meinung diesem Anliegen des Künstlers wird die Arbeit nicht gerecht. Mich hindert das fast raumhohe Gerüst des Klingendrahtzauns daran nach mystischen und transzendenten Wahrheiten zu suchen. Mag die Ikonographie des Spiegels noch Spirituallität vermitteln, verwehrt mir der Hochsicherheitszaun jeglichen Durchlass. Statt Erleuchtung begegnet mir Schwindel.

Kendell Geers provoziert, erforscht Grenzen und setzt Zeichen mit seiner Kunst. Seine Werke sind weit über die soziopolitische Kritik hinaus komplex und vielschichtig. Die Ausstellung ist überaus sehenswert und interessant, nicht nur weil wir Künstler dieses Formats in München doch recht selten zu sehen bekommen, sondern auch weil sie inhaltlich und formal bewegt. Der Kurator, Clive Kellner, hat mit viel Geschick und Sensibilität einen auf sich aufbauenden Parcours geschaffen, welcher dem Besucher erlaubt die Zusammenhänge selbst zu erforschen.

Beim Hinausgehen komme ich noch einmal an der anfangs erwähnten Neon-Installation Manifest (2007) vorbei und nicke verständnisvoll mit dem Kopf: Ja, woran glaubst du eigentlich? frage ich mich beim Verlassen der Ausstellung.

 

 

Anm.2 Quelle: http://www.s-draht.de/produkte/sicherheitsdraht.htm

Anm.3 Quelle: On The Ästhetic and Polotical Language of Art: Gespräch mit Kendell Geers und William Kentridge, in: Kendell Geers 1988 - 2012 Ausstellungskatalog, Seite 101, Hsg: Clive Kellner.


Zurück

newsletter