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Ein Kunstblog für München







Installationaansicht "Cluster" 2013, © Frank Balve.

Frank Balve macht raumfüllende Installationen. Doch wenn es darum geht 750 qm zu bespielen, ist raumfüllend nicht gleich raumfüllend. Diese Installation des Künstlers ist, großartig, im wahrsten Sinne des Wortes: 18 Tonnen Holz, 1 Jahr Planung, 2 Wochen Aufbauzeit und viele Helfer waren nötig, um "Cluster" zu realisieren. Wer jedoch bei diesem Aufwand ein Spektakel erwartet, wird wohl enttäuscht sein, wenn er durch die  abgedunkelten Räume der Galerie der Künstler in der Maximilianstraße schreitet. Er wird in sich kehren, er wird sich vielleicht in einer meditativen Situation wiederfinden,  er wird sich verlieren, möglicherweise Isolation erleben, aus dem Gleichgewicht kommen, Schwindel erfahren, sich wieder fassen und er wird sich dabei stetig beunruhigend beobachtet fühlen. "Cluster" ist still, zurückhaltend und auf das Wesentliche reduziert.

Die Installation besteht aus 63 begehbare, architektonischen Konstruktionen, die an Räume erinnern und nach oben offen sind.  Alle Elemente sind weiß angestrichen. Ein breites Brett symbolisiert einen Tisch und ein etwas schmaleres, eine Bank, die zum sitzen einlädt. Nur ein winziges, auf den Tisch gerichtetes Spotlicht, erhellt den Raum. Die Kabinen erinnern, nicht nur wegen ihrer spärlichen Ausstattung, sondern auch auf Grund ihrer Anordnung, an Zellen: In mehreren, langen Reihen gliedern sie sich uniform aneinander. Nichts unterscheidet sie; nur die türartigen Öffnungen weisen in verschiedene Richtungen: Mal liegen sie sich gegenüber, mal zeigen sie in die eine, mal in die andere Richtung. Balve nutzt den Kontrast zwischen der strengen, einfachen Konstruktion der Zellen und der historischen Architektur der Galerie, und kreiert auch damit eine besondere Spannung.

Detail "Cluster" 2013, © Frank Balve.

Schnell wird einem gewahr, dass man die Zellen betreten soll. Sie laden ein, sich an den Tisch zu setzten und die vorgefundene Situation nicht nur visuell, sondern mit allen Sinnen zu erfahren. Oft ist der Besucher in den weiten Räumen der Galerie alleine und so geschieht es, dass er "Nichts" hört: Das wahrgenommene, monotone Rauschen kommt von einem Abspielgerät. Frank Balve hat, um es zu erzeugen,  die leeren Hallen der Galerie zuvor auf Tonträger aufgenommen.

Das Konzept für "Cluster" beschäftigt den Künstler schon lange. Ursprünglich hatte er es 2011 an der Akademie der Bildenden Künste in München als Klassenprojekt unter Professor Norbert Prangenberg vorgeschlagen. Es ging darum, eine gefängnisartige, unter ständiger Beobachtung stehende Arbeits- und Lebenswelt, und der sich darin entwickelnden Sehnsucht nach Flucht und Abwesenheit, zu erschaffen. Das Projekt scheiterte und Balve baute statt dessen ein Stasi Büro, zwei Meter unter der Erde, abgedeckt von einer Plexiglasscheibe und wieder zugeschüttet. Ebenso wie "Cluster" thematisierte "Abteilung 2" (Gemeinschaftsarbeit Frank Balve und Julika Meyer von 2011) Fragen nach gesellschaftlichen Machtstrukturen, dem Überwachungsstaat und den daraus resultierenden eingeschränkten Handlungsmöglichkeiten des Individuums. Doch während sich "Abteilung 2" auf eine Zelle beschränkte, ist die Arbeit in der Galerie der Künstler eine Anhäufung von Kabinen, eben ein "Cluster". 

Die ästhetische und reduzierte Formensprache der weitläufigen Installation betont und verstärkt die beklemmende Situation unserer heutigen Arbeitswelt, die sich meist eintönig und konform gestaltet. Ursprünglich sollten Werke der Künstler Maximilian Geuter (*1980), Christina Leitna (*1977) und Thomas Thiede (*1967) die Parzellen beleben und damit auf Möglichkeiten der Individualisierung, auf Fluchtperspektiven und auf Sehnsüchte verweisen. Diesen Teil des Konzepts haben die Künstler jedoch gemeinsam, zugunsten einer Enthaltsamkeit, verworfen. So lässt die freigelegte Raumstruktur Platz für eigene Assoziationen, Gedanken und Erlebnisses des Besuchers, ohne von weiteren Details abzulenken. 

Frank Balve und sein Künstlerteam haben sich für den "leeren Raum" entschieden, um dessen Wirkung nicht durch Realitätssurrogate oder Mythen zu beeinträchtigen. Das Essentielle soll und kann ungetrübt von  Versatzstücken, noch intensiver wirken. Gerade die Reduktion der visuellen Information, verstärkt deren Verlässlichkeit und überträgt die Arbeit in den Bereich des Konzeptuellen. Neben metaphysischen Fragen nach dem Selbst und der Welt und wie wir sie auf uns beziehen, werden gesellschaftliche Machtstrukturen untersucht, die Einheitlichkeit des Arbeitsumfeldes thematisiert, sowie Fragen über Konformität und fehlendem Individualismus aufgeworfen. 

Frank Balve möchte Strukturen aufbrechen und ist bereit, Konventionen hinter sich zu lassen. So führt er seine Arbeit in einem Münchner Nachtclub, dem "Kong" in der Prielmayerstraße, mit einer Ausstellung zum Thema "Flucht" weiter und riskiert damit die Kunstszene zu brüskieren, denn Kunst im Club gilt immer noch als verpönt und unseriös. Für ihn allerdings ist dies ein wesentlicher Teil unserer Gesellschaft und so wird er sich auch weiterhin damit auseinander setzten. 


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