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Ein Kunstblog für München







Ausstellungsansicht: Faivovich & Goldberg 2013, Courtesy: Nusser & Baumgart

 

Sie fragen sich jetzt sicherlich warum ich in einem Kunstblog über einen Meteoriten schreibe. Nun ja, das habe ich mich zuerst auch gefragt. 

Aber ebenso müßte ich mich dann fragen, warum ein Urinal (Fountain, 1917 von Marcel Duchamp) oder ein in Formaldehyd eingelegter Tigerhai (The Physical Impossibility of Death in the Mind of Someone Living, 1991 von Damian Hirst) Kunst sein kann und ich mich als Kunsthistoriker ganz selbstverständlich damit befasse.  Aber mit einem Meteoriten? Wenn überhaupt setzt man sich wissenschaftlich mit einem außerirdischen Objekt auseinander, vielleicht auch spirituell. Man untersucht es auf seine Beschaffenheit, nimmt Maß, wiegt und wendet es bis man glaubt nichts Weiteres daran erforschen zu können, da man alle wissenschaftlichen Fakten bereits niedergeschrieben hat.

Genau so ist es am Campo del Cielo geschehen. Die Geschichte ist schnell erzählt: Vor circa 4000 Jahren ging in der heutigen Provinz Chaco in Argentinien ein Meteoritenschauer nieder. Die erste schriftlich dokumentierte und von dem Eroberer, Hernán Mejía de Mirabal geführte Expedition zum Campo del Cielo fand 1576 statt. Die Conquistadores hofften auf wertvolle Silberfunde, auch in den Jahrhunderten danach. Im 20. Jahrhundert wurden viele der heute bekannten Meteoriten gefunden, aber auch für kommerzielle oder auch pseudo-wissenschaftliche Zwecke mißbraucht. 1962 stieß dann ein Bauer beim Bearbeiten seines Feldes auf El Taco. Dieser Meteorit  wurde in Zusammenarbeit mit den USA geborgen, vom Max Planck Institut vermessen und geteilt, wobei die eine Hälfte zurück nach Argentinien kam, während die andere im Smithsonian Institut in Washington D.C. lagerte. Bald danach waren beide Hälften und der Campo del Cielo in Argentinien wieder in Vergessenheit geraten.1

Der wissenschaftliche Prozeß war also mehr oder weniger abgeschlossen, das Interesse der Öffentlichkeit versiegt, als im Mai 2006 die Künstler Guillermo Faivovich (1977 in Buenos Aires geboren) und Nicolás Goldberg (1978 in Paris geboren) das erste Mal zum Campo del Cielo fuhren und im Zuge ihrer Nachforschungen heraus fanden, daß sich der erwähnte Meteorit, El Taco nur zur Hälfte im Garten des Planetariums in Buenos Aires befand. Niemand wußte, wo die zweite Hälfte geblieben war. Erst hier begann wohl der eigentlich künstlerische Prozeß:

Faivovich und Goldberg suchten und fanden das vergessene Gegenstück und brachten beide Teile in einer Ausstellung im Portikus in Frankfurt wieder zusammen. Der zweite Abschnitt ihres Projekts sollte daraus bestehen einen weiteren, noch größeren, nämlich 37 Tonnen schweren Meteoriten, genannt El Chaco, von Argentinien auszuleihen und im Rahmen der Documenta (13) im letzten Jahr in Kassel auszustellen. Doch auf Grund der durch die Anfrage entfachten Diskussion und verschiedenen Missinterpretationen des Konzepts, entschieden sich die Künstler von ihrem Vorhaben zurückzutreten und stellten statt dessen einen symbolischen Kubus in Kassel auf. 

Letztendlich war dies für die Künstler kein Mißerfolg, denn ihr Ziel war nie allein die Ausstellung der Meteoriten. "Für das Projekt wurde all das wichtig, was um den Meteorit herum passierte, auch die Abgeordneten, die Umweltaktivisten. Besonders aufschlußreich war für uns das Auftreten des indigenen Volks der Moqoit und die Haltung des Provinzgouverneurs, die Moqoit als traditionelle Hüter von Campo del Cielo anzuerkennen. Und sie in einer Versammlung darüber entscheiden zu lassen, ob der Meteorit reisen dürfe oder nicht"  (Nicolás Goldberg im Interview mit Karen Naundorf).2

 

Installationsansicht "A Guide to Campo del Cielo", 2013, Courtesy Nusser & Baumgart

 

Dieser Prozeß des Aufspürens von längst vergessenen Fundstücken, Ereignissen und  Orten, sowie das Wecken von Reaktionen und Emotionen ist die eigentliche Absicht der beiden Künstler. Alles wurde von Faivovich und Goldberg dokumentiert und in der Galerie Nusser und Baumgart in München zur Schau gestellt. Neben fotografisch festgehaltenen Dokumenten, ist auch eine am Boden liegende Eisenskulptur von Interesse. Sie stellt die politische Grenze der Provinz Chaco in Argentinien dar, in der sich der Campo del Cielo befindet. Ihr Gewicht entspricht dem in Kassel anläßlich der Documenta (13) ausgestellten Kubus, nämlich dem "Weight of Uncertainty", einem Fehlbetrag zwischen zwei unterschiedlichen Wiegungen von El Chaco.

Kernstück des bereits begonnenen dritten Abschnitts des Projekts, die Suche nach Mesón de Fierro, ist das im letzten Raum befindliche Ölgemälde, welches im Maßstab 1:1 den Meteorit, Mesón de Fierro darstellt. Das Gemälde ist nach einer fotografischen Reproduktion einer Zeichnung aus dem 18. Jahrhundert entstanden, welche die Ansicht des inzwischen verlorengegangenen Meteoriten dokumentiert. Festgehalten wurden außerdem seine Maße (300 x 180 x 150 cm) und sein mutmaßliches Gewicht von 15 - 18 Tonnen.

 

Mesón de Fierro, Öl auf Leinwand,183,5 x 394,5 cm,  Faivovich & Goldberg, 2011, Courtesy Nusser & Baumgart

 

Ich möchte nun nochmals auf meine eingangs beschriebene Unsicherheit hinsichtlich des künstlerischen Prozesses zurück kommen. Faivovich und Goldberg sehen die Meteoriten als "cosmic ready-mades". Ich kann dem nicht folgen, denn hier wurde kein industriell, oder durch Menschenhand gefertigter Gegenstand zu einem Kunstwerk erhoben. Jedes ready-made ist anders, so könnte man argumentieren. Doch es ist ihnen immer gemeinsam, daß sie "gemacht" sind, eben "made", oft sogar in industrieller Produktion. Wir müssen uns nur an die Definition von Breton von 1934 erinnern:  Vorfabrizierte Objekte (objet manufacturé), die durch die Wahl des Künstlers zu Kunst ernannt werden. 

Bereits vor Marcel Duchamps anfangs erwähnter Skulptur Fountain von 1917 beschrieb der italienische Philosoph Benedetto Croce im ersten Kapitel seines Breviers der Ästhetik: "(...) indem ich die Frage wieder aufnehme (...) nämlich die Frage, was die Kunst sei, will ich ohne Umschweife und in der einfachsten Weise erklären: Kunst ist Vision oder Intuition. (...) Sie (diese Antwort) verneint vor allem, dass die Kunst etwas Physisches sei."3

Die Vision also, der Gedanke oder das Konzept ist Kunst. In der konzeptuellen künstlerischen Tätigkeit von Faivovich und Goldberg ist der Meteorit letztlich nur ein Zeichen im Sinne eines Signifikanten, welcher auf etwas verweist, nämlich auf das Signifikat. Letzteres, also das Bezeichnete (vgl. Ferdinand de Saussure, Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft), ist hier nicht die Vorstellung des Meteoriten, sondern der gesamte Prozeß mit seinen Auswirkungen. Der Meteorit wird zum Träger einer weiteren Bedeutungsebene. Alle drei Meteoriten, El Taco, El Chaco und Mesón de Fierro stehen für die Zusammenhänge des Universums, für irdische Bedürfnisse und soziale sowie politische Ungleichheiten. Sie sprechen von Verlorengegangenem sowie von Trennung und Wiedervereinigung  und auch von Glauben und Himmlischen.

Kunst hat neben seiner formalistisch-ästhetischen Bedeutungsebene schon immer auch eine kommunikative Seite beinhaltet. Sie will mitteilen und uns zum Nachdenken bringen. Erreicht sie uns, indem sie positive oder negative Emotionen weckt, hat die Kunst ihren Zweck bereits erfüllt.


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Benedetto Croce, Breviers der Ästhetik, 1913, abgedr. in: Kunst Theorie im 20. Jahrhundert, Hsg: C. Harrison & P. Wood, Ostfilden-Ruit 2003, S. 138.


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