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Ein Kunstblog für München







 

© Ellen Gallagher: "Preserve" (2001)  group of 16 drawings,(Bild wurde urheberrechtlichen Gründen entfernt)

In den drei großen Sälen des nordöstlichen Obergeschosses im Haus der Kunst werden derzeit die Arbeiten der afroamerikanische Künstlerin, Ellen Gallagher ausgestellt. Unter dem Titel "AxME" - dies bezieht sich zum einen auf die umgangssprachliche Abwandlung von "ask me" (eng: frag mich) und zum anderen auf den Cartoon "Don't axe me" (eng: schlag mich nicht mir der Axt nieder) - bietet die Ausstellung einen Überblick auf die 20-jährige Karriere der Künstlerin. Wie der Titel bereits erahnen lässt, ist ihre Arbeit oft mit mannigfaltigen Inhalten beladen.

Seit den frühen 1990er Jahren beinhaltet Gallaghers  Werk auf der formalen Seite das Raster, die serielle Wiederholung und eine schematische Klarheit, wie sie zum Beispiel in der minimalistischen Gemälden von Agnes Martin zu finden sind, mit der Gallagher häufig in Verbindung gebracht wird. Oft benutz sie hierfür liniertes Schönschreibpapier, das hier und dort, unter vielen Lagen von Farbe, Lack, Zeitungsausschnitten und weiteren Schichten verschiedener Materialien noch hervorblickt. 

 

© Ellen Gallagher: "Dolls Eyes" (1992).(Bild wurde urheberrechtlichen Gründen entfernt)

Inhaltlich kann ein einzelnes Werk dabei einen ganzen Kosmos an Gedankengut in sich aufnehmen und widerspiegeln. Gleichzeitig stößt man immer wieder  auf dieselben Themen:  Afroamerikanische Identitätsbildung und Geschichte, sowie virtueller Rassismus sind die Basis. Meereskunde, Architektur und Gesichtspunkte der Existenz an sich, schmücken Gallaghers Bilderwelten aus. Ihre Quellen und Materialien stammen aus den verschiedensten Bereichen kultureller Hinterlassenschaften einer afroamerikanisch geprägten Gesellschaft, wie zum Beispiel Musik, Literatur und Werbung, aber auch frühe Cartoons und Science-Fiction können sichtbare Ausgangspunkte sein.

"Doll's Eyes" (1992) ist eine der frühesten Arbeiten. Die feinen, dicht aneinandergesetzten, sich wiederholenden Zeichen sind wie Buchstaben aneinander gereiht, als könne man in ihnen lesen. Zeile für Zeile gliedern sich die Elemente aneinander und ergeben zunächst einmal nichts weiter, als eine ausgewogene, farblich changierende Oberfläche mit elegantem, rasterartigem Muster, tatsächlich den Arbeiten von Agnes Martin ästhetisch ähnelnd. Doch sieht man genauer hin, erkennt man in den einzelnen Gliedern winzige, grotesk anmutende Augäpfel, die ab und an durch wulstige und ebenso groteske Lippen verbunden sind. Die Augen und Münder verweisen auf  die im 19 Jahrhundert in den USA populären Minstrel-Shows, in denen weisse Unterhaltungsmusiker ihre Gesichter schwarz anmalten und, auf heute als rassistisch zu betrachtende Weise, das vermeintliche Leben der Afroamerikaner karikierten. Die minimalistische Abstraktion ist hier also einer eindeutig kritischen Gegenständlichkeit gewichen.  Und erst mit einem Gewissen Abstand löst sich alles wieder in eine abstrakte Fläche auf. 

 

© Ellen Gallagher: "Preserve" (2001), group of 16 drawings, (Bild wurde urheberrechtlichen Gründen entfernt)

Es ist nicht immer nur die politische bzw. sozial-kritische Aussage, die Gallagher interessiert. Und so spielt sie auch bewußt mit der scheinbaren Abstraktion ihrer Gemälde. Es sind die Zeichen, und vor allem die Wandlungsfähigkeit des "Bezeichnenden", des "Signifikanten" (i.S.v. Ferdinand de Saussure), welche die Künstlerin in vielen ihrer Bilder untersucht. Ein Indikator, oder Signifikant, um bei Saussure Begrifflichkeit zu bleiben, dass wie in "Doll's Eyes" aus einem Kreis mit einem innen liegenden schwarzen Punkt besteht, erkennen wir erst in einem gewissen Zusammenhang als Augapfel, nämlich erst in der Verbindung mit dem Titel des Werkes. Wir wissen, es handelt sich um Augen, denn es wurde uns gesagt. Schaut man nun noch genauer hin, und sieht man die wulstigen Lippen, entsteht eine neue Assoziation, nämlich die einer rassistisch anmutenden Karikatur eines Afrikaners.

 

© Ellen Gallagher: "Pomp-Bang" (2003),(Bild wurde urheberrechtlichen Gründen entfernt)

Ähnlich funktioniert eine Collage, die ein Jahrzehnt später entstanden ist: "Pomp-Bang" (2003) gehört zu der Serie der "Yellow Paintings", so genannt allein aufgrund ihrer gemeinsamen Farbigkeit. Zunächst formt die Künstlerin ein Raster aus Portraits afroamerikanischer Frauen für Perücken-Werbungen aus den Jahren 1939- 1972, die Magazinen wie "Ebony", "Our World" oder "Sepia" entnommen wurden. Nachdem die Künstlerin die einzelnen Blätter einander zugeordnet hat, werden sie auf eine Leinwand geklebt und dort ausgeschnitten, wo die Perücken sind. Die so entstandenen Leerstellen werden nun, in einer mühsamen und zeitaufwendigen Arbeit, mit einer Knetmasse  gefüllt, die exakt den Umrissen und Ausführungen der ursprünglichen Haarteile nachgeahmt ist. Die Perücken wirken hier als ein historischer Indikator einer bestimmten Rassenzugehörigkeit. Damals galt es bei Afroamerikanerinnen als schicklich, die Haare wie weisse Frauen geglättet oder in weichen Locken zu tragen. Durch den Einsatz der Knetmasse wird aber der darauf deutende Signifikant verändert. Die Masse selbst ist ein wandelbarer Stoff und bleibt immer verletzlich und abänderbar, gleichzeitig wirkt sie wie ein schützender Helm. Auch in diesem Werk tritt der formale Gesichtspunkt der Materialität und des Aufbaus des Gemäldes mindestens ebenso hervor, wie die direkte Übersetzung der Signifikanten als rassistische Indikatoren einer bestimmten Rasse.


© Ellen Gallagher: "Dirty O's" (2006), detail, (Bild wurde urheberrechtlichen Gründen entfernt)

Die Überblicksausstellung umfasst an die 80 Exponate, darunter neben den genannten,  auch Gemälde wie "Bird in Hand" (2006): es spielt auf Drexciya - das mythische schwarze Atlantis und den Roman "Moby Dick" sowie den einbeinigen Stepptänzer Clayton Peg-Leg Bates an, die großartige Filminstallation "Osedax" (in Zusammenarbeit mit Edgar Cleijne, 2010), welche die kryptische Natur von Symbolsystemen, die aufgrund von Alter oder Verlust nicht mehr zu entziffern sind, untersucht und "Morphia" (2008/2009), eine Serie von doppelseitigen Papierarbeiten in freistehenden Metallrahmen. Auf eine  chronologische Hängung wurde bewusst verzichtet und so kann der Besucher bereits nach ein paar Schritten erkennen, dass sich sowohl Themen als auch formale Aspekte durch die gesamte Schaffensphase der Künstlerin hindurchziehen. 


©Ellen Gallagher: "Ishmael" (2006) detail, (Bild wurde urheberrechtlichen Gründen entfernt)

Gallaghers Skulpturen, Collagen, Filme, Installationen und Gemälde haben immer wieder mit verschiedenen Symbolen afroamerikanischer Identitätsfindung zu tun. Doch originell und auffallend ist vor allem die Art, wie die Künstlerin ihre Gemälde im wörtlichen Sinne aufbaut, wie sie Papier in mühsamer und filigraner Weise bearbeitet oder Filminstallationen auf ganz neue Art schafft. In all den Arbeiten erkennt man ihr fabelhaftes Gefühl für  Materialien und deren gewissenhaften Bearbeitung, ebenso wie eine fast manische Arbeitswut, die trotz aller Materialität die formalen Gesichtspunkte nicht vernachlässigt. Letztendlich ist jedes einzelne Werk wie ein Zeichen aus einer Art Alphabet zu lesen, die sich zusammensetzten und ein gesamtes Bild, eine Aussage formulieren, die es zu entziffern gilt. 


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