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Ein Kunstblog für München







Installationsansicht, courtesy Andreas Grimm Gallery, 2013.

Überall weihnachtet es und so war ich froh, weit weg von allem vorweihnachtlichen Glitzer und Kitsch, in der Galerie Andreas Grimm eine rätselhaft beunruhigende Atmosphäre anzutreffen. Hier stellen Damien Cadio (*1975) und Katharina Ziemke (*1979) in einer gemeinsamen Ausstellung ihre neuesten Arbeiten vor. Das französisch-deutsche Künstlerpaar lebt und arbeitet in Berlin und so haben sie schon einige Ausstellungen gemeinsam bespielt. Obwohl sich ihre Arbeiten stark unterscheiden, komplimentieren sie sich nicht nur in ihrer bizarren Morbidität.

Mir fällt zunächst die besondere Hängung einiger schwarz-weißer Bilder auf: Wie zu einem Filmstreifen aneinander gereiht, hängen 10 gleich große (100 x 70 cm) Graphitzeichnungen,  über eine Ecke des Raums, dicht nebeneinander. Jedes Bild könnte eine Szene oder ein Ausschnitt einer zusammenhängenden Narration sein. Doch auch bei genauerer Betrachtung ist ein erzählerischer Zusammenhang weder in den abgebildeten Figuren, noch in der Szenerie erkennbar. Es sind trügerische, flüchtige Momente und schattenhafte Gestalten, immer in eine reizvolle Dunkelheit getaucht, die der Künstler hier festhält.  Die geisterhaften Subjekte und die geheimnisvollen Ereignisse beschwören eine angespannte Stimmung herauf und geben nichts, außer ihrer Präsenz preis. So suche ich nach einem anderen Anhaltspunkt, um sie zu entziffern. 

"Tupapaoo", 2013, © Damien Cadio, courtesy Andreas Grimm Gallery.

Die Titel der Bilder weisen alle, außer einem ("Six et demi Onze" - Titel eines Films von Jean Epstein von 1927), auf Kurzfilme des französisch-amerikanischen Regisseurs, Jacques Tourneur (1904 - 1977), der bekannt wurde durch seine künstlerisch hervorragenden und atmosphärisch dichten Filme des Film Noir. Doch Cadio versicherte mir während der Vernissage persönlich, dass die Bezeichnungen wie Fallen wirken und eine gewisse Täuschung erzeugen sollen. In einem früheren Interview mit Sophie Kaplan beschreibt der Künstler seine Titel als "Anreiz, der vorgibt das Bild wolle etwas aussagen, seine Bedeutung läge im Bereich des Verständlichen".1

"Master Will Shakespeare", 2013, © Damien Cadio, courtesy Andreas Grimm Gallery.

Im Umkehrschluss verstehe ich also, dass die Arbeiten, die dargestellten Momente und Ausschnitte, im Bereich des Unfassbaren, Unverständlichen oder gar Transzendentalen liegen. Wenn man weiß, dass Damien Cadio sich unter anderem mit Walter Benjamins Begriff der "Aura" ebenso beschäftigt, wie Kandinskys Schrift "Über das Geistige in der Kunst", kann man erahnen, wie seine Bildwelten zu verorten sind. Die Motive stammen aus einem Atlas - so nennt der Künstler seine Sammlung von Abbildungen aus dem Internet, aus Erinnerungen, Büchern und Filmen. Doch er gestaltet den Bildausschnitt in einer Weise, dass die Auslassungen einen "Mangel, eine Leere, ein Ungleichgewicht entstehen lassen" (Interview). Hierdurch kreiert Cadio Distanz zu einer uns bekannten Realität und erzeugt das undefinierbare  und rätselhafte Momentum in seinen Bildwelten. Der Künstler erlaubt so dem Betrachter, nach den Dingen dahinter zu forschen und die dargestellten Wirklichkeiten zu untersuchen.

"Harnessed Rythem", 2013, © Damien Cadio, courtesy Andreas Grimm Gallery.

Auch Katharina Ziemkes Bilder sind mysteriös und wirken darüber hinaus auch  undurchdringbar. Dies mag bereits an der verwendeten Technik liegen. Die Künstlerin bearbeitet ein Papier mit vielen Schichten bunter Wachsmalkreide, überdeckt diese mit einer abschließenden schwarzen Schicht und zeichnet mit Kratzwerkzeug das eigentliche Motiv  heraus, so dass der bunte Untergrund sichtbar wird und die Konturen, durch das stehenbleibende Schwarz, entstehen. Auch sie findet ihre meist schwarz-weißen Vorlagen zunächst in den Bilderfluten des Internets und verändert sie durch die Auswahl des Bildausschnittes, wodurch auch hier der ursprüngliche Kontext verloren geht. So entsteht eine ähnlich rätselhafte Atmosphäre, wie in den Arbeiten von Damien Cadio. Doch während den Bildern von Cadio eine gewisse sublime Transzendenz innewohnt, scheinen die Werke von Katharina Ziemke eher eine emotionale Subjektivität zu besitzen. Ziemke setzt vor allem Farben intuitiv und expressiv ein. Ihre Farben verändern den Ausdruck der gezeichneten Szene oder Gestalt und provozieren eine, von der Wirklichkeit losgelöste Rezeption des Dargestellten. 

"The Visitors", 2012, © Katharina Ziemke, courtesy Andrea Grimm Gallery.

Die Figuren in ihren Bildern wirken fast immer puppenhaft und starr,  denn die persönliche Farbgebung und der besondere Lichteinfall nimmt ihnen das Menschliche oder Natürliche, und verwandelt sie letztlich in Geschöpfe, die der Hand der Künstlerin allein entspringen. Die Materialität der Wachsmalstifte, die Ziemke erst seit einiger Zeit in ihrer Arbeit einsetzt, unterstreicht zusätzlich das puppenhafte Erscheinungsbild der Figuren: der Vergleich mit den Gestalten eines Wachsfigurenkabinetts liegt auf der Hand. Die starke Deckkraft der verwendeten Wachsmalkreide sorgt für eine Licht-Undurchlässigkeit und steigert die Distanz zu einem natürlichen Ausdruck. 

"Jenny", 2013, © Katharina Ziemke, courtesy Andreas Grimm Gallery.

Weit entfernt von einer uns bekannten Wirklichkeit, beinhalten ihre bizarren Bildwelten trotzdem immer etwas Narratives. Der Betrachter sucht nach vertrauten, jedoch spärlich gestreuten Versatzstücken, die ihm den Weg in die Narration leiten: Die nackten Beine, des ansonsten in eine dicke Winterjacke gekleideten Mädchens und der nach vorne gebeugte Mann, dessen Kopf nicht vollständig abgebildet ist, seine Armbanduhr und der Ehering jedoch sehr deutlich („Jenny“ 2013), deuten einiges an, lassen aber auch Raum für Interpretation. 

Letztendlich geht es der Künstlerin jedoch nicht um die Deutung ihrer Bilder. Katharina Ziemke und auch Damien Cadio weisen in ihrer Arbeit vielmehr darauf hin, dass die Anschauung der Realität, die wir oft kritiklos als Wirklichkeit verstehen, sich dramatisch verändert, sobald wir einen anderen Blickwinkel einnehmen. Schließlich geht es in der Kunst bereits seit Anfang des letzten Jahrhunderts  um nichts anderes und spontan fallen mir die 1920 in dem Sammelheft „Schöpferische Konfessionen“ erschienenen Worte Paul Klees ein: „ Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar [...]Früher schilderte man Dinge, die auf der Erde zu sehen waren, die man gern sah oder gern gesehen hätte. Jetzt wird die Realität der sichtbaren Dinge offenbar gemacht und dabei dem Glauben Ausdruck verliehen, dass das Sichtbare im Verhältnis zum Weltganzen nur isoliertes Beispiel ist, und das andere Wahrheiten latent in der Überzahl sind. “3

 

1.www.damiencadio.com

2. Grohmann, Will: Paul Klee, Stuttgart, 1954, S. 160


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