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Ein Kunstblog für München







 

J. van de Moortel & P. Schwer, 2013. Installationsansicht, courtesy: Galerie Karl Pfefferle

Zwei Künstler unterschiedlicher Generation und Herkunft: Paul Schwer, geboren 1951 in einer Kleinstadt im Schwarzwald und Joris van de Moortel, in Belgien im Jahre 1983 geboren. Ersterer versteht sich vornehmlich als Maler. Doch indem er seine auf Plexiglas aufgetragene Malerei unter hoher Hitzeeinwirkung "zerknüllt", entstehen Skulpturen. Joris van de Moortel ist dagegen nur schwer einzuordnen: er malt, assembliert, konstruiert, musiziert, performt und dekonstruiert.  Zusammen bespielen sie die Galerie Karl Pfefferle noch bis zum 27.07.2013.

"Das Fruchtfleisch unserer Architektur" so der Titel der Ausstellung, versteht sich als "metaphorisches Bindeglied, als sinnliche, klebrig amorphe und doch in sich strukturierte Masse (...), die das nährende, wenn auch schnell verderbliche Zentrum einer fest gefügten Konstruktion darstellt"1, so der Pressetext der Galerie Karl Pfefferle. Hier geht es also um das Nähren oder Füttern einer architektonischen Konstruktion, jedoch auch um das temporäre einer solchen, das Vergängliche und die Dekonstruktion derselben. Gleichzeitig scheint es um den Gegensatz von amorphen und strukturierten Zuständen zu gehen. Dies möchte ich anhand zweier Beispiele der Ausstellung veranschaulichen.

 

J. van de Moortel "The rehearsal Act 1, 2013", courtesy: Galerie Karl Pfefferle

"The rehearsal Act 1, 2013" von Joris van de Moortel ist ein Wandstück aus Holz und Plexiglas, man könnte es als Schaukasten beschreiben. Konstruiert und arrangiert, wie eine Bühne, setzt sich der Künstler selbst in den Mittelpunkt dieser Plattform, indem er eine Abbildung von sich, beim Gitarre spielen, im Hochformat und von hinten durch eine Lichtröhre beleuchtet, ins Zentrum des Geschehens rückt. Rechts unter der Fotografie befindet sich der Siebdruckrahmen, mit welchem das Motiv des Covers, der für die Ausstellung aufgenommenen Vinylschallplatte, entstanden ist. Van de Moortel installiert seine Assemblagen für und mit der jeweilige Situation der Ausstellung. Sie sind architektonische Gebilde, welche oft genug nach Beendigung der jeweiligen Show  wieder zerstört werden, um die einzelnen Bestandteile später neu zu verwerten. 

 

J. van de Moortel & P. Schwer, 2013. Installationsansicht, courtesy: Galerie Karl Pfefferle

Paul Schwers Malerei dagegen erhält erst durch eine zerstörerische Einwirkung eine raumfüllende Dimension und damit ihre endgültige Form. Seine Arbeit "Pli, 2013" veranschaulicht dies wohl am besten: man erkennt den verformten Rahmen eines abstrakten Gemäldes. Statt Leinwand allerdings, sind die Farbfelder auf Plexiglas aufgetragen. Unter Hitze- und roher Gewalteinwirkung verformt der Künstler das Plexiglas, mitsamt seines Rahmens, so dass eine dreidimensionale Wandskulptur entsteht. Noch einen Schritt weiter geht Schwer bei seinen "Baozi" (so genannt nach der Form von chinesischen Teigtaschen). Die Gemälde werden hier zu komplex ineinander verformten und raumgreifenden Gebilden zerknüllt. 

 

J. van de Moortel & P. Schwer, 2013. Installationsansicht, courtesy: Galerie Karl Pfefferle

Beide Künstler spielen mit unserer mentalen und physikalischen Vorstellung von Raum und Konstruktionen. Eine Bühne kann reliefartig an einer Wand ebenso entstehen, wie ein in unserer Vorstellung zweidimensionales Bild skulpturale Formen erhält. Beide Künstler führen uns ebenfalls vor Augen, wie unsere Vorstellung von materiellen Zuständen manipulierbar ist. Jede Form von Raum ist konstruierbar und zugleich vergänglich. Paul Schwer und Joris van de Moortel experimentieren mit Seinszuständen, Raum und Flächen, eigenen sich diese an und fordern den Betrachter auf, dasselbe zu tun.

Die Ausstellung "Das Fruchtfleisch unserer Architektur" ist jedoch nicht nur für diejenigen Kunstinteressierten sehenswert, die sich mit Architektur und der Vorstellung von Raum beschäftigen wollen. Die Show ist jung, expressiv, farbenfreudig und punkig, ohne dabei jemals ins Oberflächige oder Banale abzudriften. (Siehe auch Exkurs.)

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1. Caroline Klapp, in: Pressetext der Ausstellung "Das Fruchtfleisch unserer Architektur", Joris van de Moortel & Paul Schwer, Galerie Karl Pfefferle, 6. Juni - 27. Juli 2013.

 

Exkurs:

Van de Moortels Pressholzkiste, "Untitled, 2012/13", ist ein kleiner Kosmos für sich. Mehr als nur eine architektonische Konstruktion, beinhaltet die 120 cm hohe Holzkiste  eine Assemblage aus Gegenständen des täglichen Lebens, welche durch eine grüne Neonbeleuchtung erhellt sind. Man erkennt diese Dinge nur als Spiegelbild, denn nur eine Kistenwand ist geöffnet, die Holzplatte ein paar Zentimeter von der eigentlichen Box abgesetzt und zur Innenseite mit einem Spiegel versehen. Da diese Seite an einer Wand angelehnt ist und somit ein anderer Blickwinkel dem Betrachter verwehrt ist, gelingt es ihm nur durch die Reflexion im Spiegel den Inhalt der Kiste zu erkennen. Zu sehen ist das Spiegelbild ein paar alter Turnschuhe, eines Lautsprechers, eines Handtuchs und noch ein paar anderer Dinge. Nach außen dringt nur der Schein der grünen Neonlampe. Auch auf der oberen Seite ist der Schein des grünen Lichtes, durch den Einlass eines Milchglases erkennbar. Ein direkter Blick auf den Innenraum und dessen Gegenstände ist nicht möglich. Wie eine Allegorie des platonischen Höhlengleichnisses , wird uns vor Augen geführt, dass im Bereich des nur Denkbaren die Ideen das Wirkliche der Welt sind und die uns erscheinende Raumwelt nur Schattenbilder dieser Ideen darstellen.


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