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Ein Kunstblog für München







 

Ausstellungsansicht: Craig Yu »Negative Form«, Courtesy Häusler Contemporary München/Zürich, Foto: Wolfgang Stahl.

Die Öl-Miniaturen von Craig Yu, die in der Galerie Häusler Contemporary derzeit ausgestellt werden, haben es mir angetan. Sie erinnern mich an das Format eines Smartphone-Bildschirms und kommen mir vertraut vor. Die Schwarz-Weißen Arbeiten sind so klein, dass man gezwungen ist ganz nahe heranzutreten, um sie zu entziffern. Während man aus der Distanz vielleicht ein paar graue Farbfelder aus Licht und Schatten erahnt, entdeckt man erst bei genauerem Hinsehen einzelne Formationen und Versatzstücke, die sich nach und nach zu einem Bild zusammenfügen. Nur ganz allmählich wird man sich gewahr, dass es sich um Ansichten aus der Vogelperspektive handelt, so als seien sie aus dem All aufgenommen. Man erkennt eine Landschaft mit einer zerstörten Brücke, die Wolkenformation eines gigantischen Wirbelsturms, einen Vulkanausbruch oder die Rauchschwaden eines Fabrikunglücks. 

 

"Chemical Test", Ausstellungsansicht: Craig Yu »Negative Form«, Courtesy Häusler Contemporary München/Zürich, Foto: Wolfgang Stahl.

Craig Yu (*1978) lotet die Grenzen der Wahrnehmung aus. Er verwertet Bilder von Katastrophen, welche durch Massenmedien und Internet in unserem kollektiven Gedächtnis  fest verwurzelt sind und abstrahiert sie durch gezielte Veränderungen: In der Größe, in der Wahl der Perspektive und in der Reduktion sowohl der Farblichkeit, als auch der Gegenständlichkeit. Dies allein reicht jedoch nicht aus, die Aufmerksamkeit des Betrachters auf sich zu lenken. Der Künstler wählt hier bewusst ein Format, welches unserer täglichen Kommunikation per Smartphone sehr entgegen kommt und uns daher geläufig ist. Die Bilder der Medien erreichen uns oftmals nur noch mittels solcher "Handys". Die Unschärfe und Verpixelung des dort abrufbaren Internets manifestieren sich in der Abstraktion der künstlerischen Arbeitsweise. Craig Yu übernimmt also in gewisser Weise die Ikonographie der "neuen" Medien, um eine Intimität zu erzeugen und den Betrachter somit in einen Dialog zu verwickeln. 

 

Ausstellungsansicht: Craig Yu »Negative Form«, Courtesy Häusler Contemporary München/Zürich, Foto: Wolfgang Stahl.

Während in den Miniaturen eine bestimmte darstellbare Realität unbestreitbar erkennbar ist, lösen sich andere Arbeiten vollkommen von der Gegenständlichkeit ab. Die "Negative Form"-Bilder sind intuitiver und zeugen mehr von ihrem Herstellungsprozess, als von darstellbaren Katastrophen. Dennoch erzeugen sie im Betrachter ein Gefühl von Bedrohung. Es scheint, als seien uns die Formen oder die Emotionen, die wir damit verbinden, bekannt und abrufbar. Dieses wage "Erinnerungsbild" im Kopf des Betrachters bezeichnet der Künstler als "Negative Form", so zu sagen, als das was übrig geblieben ist von der Erinnerung eines bedrohlichen Ereignisses, wie den bereits oben erwähnten Katastrophen. 

 

Ausstellungsansicht: Craig Yu »Negative Form«, Courtesy Häusler Contemporary München/Zürich, Foto: Wolfgang Stahl.

Die Abbildungen dieser Gemälde können den pastösen Farbauftrag -auch hier nur Schwarz, Weiß und Grauabstufungen - und die amorphe Struktur der fast noch flüssig wirkenden Farbe in keinster Weise wiedergeben. Doch gerade die Oberflächenstruktur ist ein wichtiger Bestandteil dieser Arbeiten, denn erst dadurch erhalten die Bilder die Tiefe und Dreidimensionalität, die den Sinneseindruck verstärken. Mal erinnert die Struktur an dickflüssige Lava,  andere Male an unbändige Ströme von Wasser, die sich ihren Weg durch unwegsames Gelände bahnen. Dabei bleiben jedoch die Interpretationsmöglichkeiten immer offen. Letztendlich sind es Empfindungen und Assoziationen die per se persönlich und individuell sind. 


Ausstellungsansicht: Craig Yu »Negative Form«, Courtesy Häusler Contemporary München/Zürich, Foto: Wolfgang Stahl.

Bei all den dunklen Impressionen des Sujet empfinde ich die Gemälde des Künstlers keinesfalls als düster oder bedrückend.  Im Gegenteil  verspüre ich eine gewisse Leichtigkeit, denn die Arbeiten haben auch etwas anmutiges an sich. Vielleicht rührt diese Anmut aus der künstlerischen Tradition seines Herkunftslandes: Craig Yu ist Hong-Kong-Chinesischer Abstammung und irgendwie erinnert mich sein Werk auch an den subtilen Ausdruck der chinesischen Landschaftsmalerei, welche oftmals von verschwommenen Umrissen, im Nebel verschwindende Bergsilhouetten oder einer geradezu impressionistischen Behandlung von Naturphänomen geprägt ist.


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