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Ein Kunstblog für München







"Tightrope", Installation Scale Model, 2013, © C. Hollerer, courtesy Galerie Klüser.

"ACHTUNG! Eintritt auf eigene Gefahr!" 

So steht es auf einem Schild an der Tür. Durch das große Schaufenster der Ausstellungsräume der Galerie Klüser 2 in der Türkenstrasse, sieht man eine quer durch den Raum verlaufende Konstruktion aus rot-schwarz lackierten, mehrere Meter langen Holzbrettern, die wie zu einem losen Strang gebunden, miteinander verflochten erscheinen. Doch manche Planken sind zerbrochen und treten spitz hervor. Frische Bruchstellen wirken durch ihre Splitter scharfkantig und gefährlich. Nun bemerke ich auch die überall auf dem Boden liegenden Holzfragmente. Abgesplittert, zerborsten, ja fast wie nach einer Explosion, kreuz und quer im Raum verteilt, ist es, als habe brachiale Gewalt hier eingewirkt. Da ich so etwas in einer Galerie nicht alle Tage zu sehen bekomme, trete ich eben, trotz des Hinweisschildes, auf eigene Gefahr hinein.

Tightrope, also Drahtseil,  sei der Name der raumfüllenden Installation des Österreichischen Künstlers, Clemens Hollerer, so erfahre ich von einem jungen, sehr engagierten Mitarbeiter der Galerie. Der Künstler habe mit dieser Arbeit genau den Moment dargestellt, in welchem das Seil zerreiße. 

Im selben Raum hängt eine Fotografie.  Dargestellt sind Drahtseile einer Gondel, die im Dunst des diffusen Bildgrundes zunächst stark perspektivisch aufeinander zulaufen, doch dann, bevor sie in der Unendlichkeit aufeinander treffen, im Nebel verschwinden. Auch diese Arbeit trägt den Titel Tightrope, 2013.

Tightrope, 2013 © C. Hollerer, courtesy Galerie Klüser.

Fotografie und Installation sind also Medien in Hollerers Werk, die zueinander gehören. Der Künstler studierte zunächst Fotografie  am Euregio College for Fine Art Photography in Kefermark, Österreich.  Bald bemerkte er jedoch, dass dieses Medium ihn einschränkte, sei es, "weil jemand anders seine Bilder entwickelte", vor allem aber, weil es ihm immer wichtiger wurde "selber Hand anzulegen ... alles selber zu machen".Es ist deshalb nur konsequent, dass Clemens Hollerer seine Werke fortan selbst konstruiert. Oft dient dabei eine Fotografie als Vorlage. So insbesondere auch bei dem Werkkomplex der Constraints: Hier sind Absperrungen, Bauzäune, Blockaden und Umleitungen im öffentlichen Bereich seine Inspirationsquelle. Doch erst durch die fotografische Abbildung dieser urbanen Konstruktionen, also durch eine von der Kamera bereits reflektierte und interpretierte Wiedergabe der Absperrung, entsteht die Vorlage zu dem eigentlichen Kunstwerk. Im Fall der Constraints sind dies Collagen aus verschiedenfarbigen Klebefolien, Karton und Papier. Stark abstrahiert, deuten sie auf die versperrenden Konstruktionen unseres urbanen Umfelds.

Constraints 21, 2013 © C. Hollerer, Foto: M. Gastinger, courtesy Galerie Klüser

 

Constraints 32, 2013 © C. Hollerer, M. gastinger, courtesy Galerie Klüser

Die Auseinandersetzung mit dem Raum ist ein wesentlicher Bestandteil des künstlerischen Werks von Clemens Hollerer. Auf Baustellen, die den Künstler, wie er sagt, "magisch anziehen", findet er Räume die aufgebaut, aber auch abgerissen werden. Es gibt verbotene, temporäre und provisorische Bereiche, die ihn faszinieren und die er in seinen Arbeiten verarbeitet.Dabei ist auch der Ausstellungsort nicht nur eine beliebige Fläche, welche ausgefüllt werden will. Hollerer setzt sich mit dem Raum auseinander und ist dadurch in der Lage, die ihm zur Verfügung stehenden Ausstellungsbereiche als Resonanzräume zu nutzten. Seine Installationen werden so in den Raum gebaut, dass sie erst durch diesen wirken und auch in gewisser Weise schwingen können. Denn nur wenn die Verhältnisse zwischen Werk und Raum aufeinander abgestimmt sind, kann die Arbeit auch narrativ erfolgreich sein.  Wir erkennen das explosionsartige Auseinanderreißen des Drahtseiles in der Installation Tightrope deutlich, da es uns wort-wörtlich, wenn auch abstrahiert,  vor Augen geführt wird. Alles, vom Maßstab bis zur Komposition im Raum, wirkt hier mit. Selbst die Spannung, die kurz vor dem Zerbersten der Konstruktion noch bestanden haben muß, ist dadurch spürbar. 

Die Formensprache bleibt dabei stets reduziert, fast könnte man sagen: karg, wären da nicht die Farben: Rot, Schwarz, Orange, Gelb und Grün sind allesamt Signalfarben und auch sie findet man auf Baustellen, in Gefahren- und in Verkehrsbereichen. Ansonsten sind es meist einfache, lackierte Latten aus dem Baumarkt und Klebefolie, die der Linienführung in seinen Arbeiten dienen.  Der Künstler nutzt die Kraft der Suggestion, um mit sparsamen Hinweisen ein Maximum an Fantasie freizusetzen. Meiner Meinung nach ist dies so interessant an Clemens Hollerers Werk: Mit wenigen, reduzierten Mitteln erreicht der Künstler eine große Wirkung. Die gedankliche Vorarbeit und die vielschichtige Abstraktionsleistung bleiben manchem vielleicht verborgen, sie sind aber Voraussetzung und Grundlage des künstlerischen Werks von Clemens Hollerer.

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1. Clemens Hollerer: "Kunst am Bau", Hörbeitrag im Pasticcio auf Ö1 vom 16.03.2012; Quelle http://www.museum-joanneum.at/de/kunsthaus/ausstellungen_3/hollerer-marte

2. ebd.


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