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Ein Kunstblog für München







"Saving the Safe (Bundesbank)", 2013, courtesy Barbara Gross Galerie, Foto: Wilfried Petzi, 2013.

Als ich bei meinem Besuch in der Galerie Barbara Gross versuchte, zu dem hinter Absperrungen auf einem Sockel thronenden, massiven Stahltresor vorzudringen, stellte sich mir ein sehr großer, dunkel gekleideter Sicherheitswärter in den Weg. Hier musste etwas Besonderes aufbewahrt sein! Vielleicht ein großer rosa Diamant oder eines dieser alle Rekorde brechenden Kunstwerke, von denen wir alle paar Monate hören? An dem Wärter vorbeiblickend, konnte ich erkennen, dass die Tür des Tresors offen stand und nachdem der Bewacher schließlich einen Schritt beiseite tat, sah ich endlich, dass sich im Inneren eine kleine architektonische Skulptur befand.  Ein modulares, mehrstöckiges, modernes Gebäude, beleuchtet und in 21 karätigen Gold gegossen, ist es im Inneren des Tresors andachtsvoll auf einem Drehpodest platziert. Der Titel dieser Arbeit von Carlos Garaicoa verrät, um welches Gebäude es sich handelt: "Saving the Safe (Bundesbank)", 2013. 

Die goldene Miniatur-Replik der Deutschen Bundesbank (Bj. 1972, Frankfurt am Main), ist schützenswert, soviel scheint sicher. Doch warum lässt ein, in Kuba geborener (*1967) und in Havanna und Madrid lebender Künstler dieses symbolträchtige Gebäude der Bundesrepublik in Gold gießen, um es dann prominent in einer Galerie in München auszustellen? Nun, die Antwort ist einfach: Carlos Garaicoa untersucht in seiner Arbeit gesellschaftliche, politische und ideologischen Strömungen und Entwicklungen anhand ihrer Architektur. Waren es zu Beginn seiner Karriere noch die zerfallenden Gebäude Havannas, die ihn interessierten, arbeitet er heute global. "Saving the Safe (Bundesbank)" ist Teil einer Serie, in welcher der Künstler internationale Banken (u.a. Banco de la Nación Argentina/ Banco Central de la República Argentina (2013) International Monetary Fund) auf ihre Rolle in aktuellen Wirtschaftskrisen untersucht. Die in Gold gegossene, in einem Safe und hinter einer Absperrung aufbewahrte Replik der Deutschen Bundesbank, dient also als ein Sinnbild des bis vor der Schuldenkrise glorifizierten Finanzsektors, seiner Macht und der Unantastbarkeit seiner Protagonisten.  Gleichzeitig verweist "Saving the Safe (Bundesbank)" auf die Rolle Deutschlands in dieser Krise: sich zum Retter aufschwingend, war die Motivation letztendlich eigennütziger Art, nämlich den "safe", die eigenen Finanzen, vor dem Verfall zu bewahren. 

"Portafolio", 2013, cortesy Barbara Gross Galerie, Foto: Wilfried Petzi, 2013.

Die Wut der Menschen der in die Krise geratenen Staaten, stellt Carlos Garaicoa auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes dar: 8 Messingtafeln in Samt eingefasst und zum verwahren in einer edel ausgestatteten Kassette bestimmt. Ihnen eingraviert, sind Symbole der jeweils betroffenen Länder, sowie den Protestplakaten entnommene Textfragmente. Anders jedoch, als die zum Teil gewaltsamen Demonstrationen der Menschen in Spanien, Italien, Irland und Griechenland, verhalten sich die Tafeln sehr still. Die Gravuren sind feingliedrig und das Erscheinungsbild insgesamt zurückhaltend und sehr ästhetisch. Der Titel dieser Arbeit lautet "Portafolio", 2013 (Auflage vom 10), und deutet auf eine Sammlung oder Sammelmappe hin. In der Finanzwelt versteht man unter Portfolio ein Bündel von Investitionen, das im Besitz einer Institution oder eines Individuums ist. So kann also Jedermann die, wie Wert-Zertifikate anmutenden Tafeln, käuflich erwerben und seinem Besitz einverleiben. 


"Wer im Glashaus sitzt...", 2013, courtesy Barbara Gross Galerie, Foto: Wilfried Petzi, 2013.

Während Garaicoa mit "Saving the Safe" und "Portafolio" die Machtstrukturen und wirtschaftlichen Zusammenhänge der globalen Wirtschaft hinterfragt, geht es bei der Arbeit "Wer im Glashaus sitzt..." um den Missbrauch von Kunst und Architektur als Machtinstrument. Ein aus verschieden großen Glasscheiben, Plexiglassäulen,  und mit Magneten zusammengehaltener Nachbau des faschistischen Gebäudes der Prinzregentenstraße 1, das Haus der Kunst, wirkt leicht, durchsichtig und fragil. Es scheint sich jeglichem Inhalt - sowohl ideologisch, als auch materiell- entledigt zu haben. Doch dieser Eindruck täuscht. Denn trotz der Transparenz des Materials, bleibt die brutale Monumentalität der Struktur des Gebäudes erhalten. Die Architektur als Mittel der Demonstration von Macht ist unübersehbar.  Das verwendete  Glas erinnert aber auch an die eingeschlagenen Fensterscheiben der Reichsprogromnacht des 9. Novembers 1938, in der hunderte Juden ermordet, ihre Geschäfte zerstört und ihre Synagogen abgebrannt wurden. Letztendlich aber ist "Wer im Glashaus sitzt..." längst nicht nur eine Erinnerung an den Faschismus des Nazi-Regimes.  Für mich wirkt diese Installation wie ein Mahnmal einer zusehends verfallenden, weil fragilen Weltordnung mit ihren korrupten Ideologien und manipulativen Gesellschaftsmechanismen. 

"From the Series To Transform the Political Speech in Facts, Finaly II"(V), courtesy Barbara Gross Galerie, Foto: Wilfried Petzi, 2013.

Carlos Garaicoas Werk, welches neben Installationen, wie den beschriebenen, auch Blueprints, Fotografie, Bildhauerei und Film umfasst, baut immer auf ein konzeptuelles Grundgerüst auf und ist stark mit Architektur, Politik, Geschichte und Sprache verbunden. Es basiert auf existenziellen Themen, auf Kultur, gescheiterten Realitäten und ebenso auf Utopien. Dabei entwickelt der Künstler ständig neue formale Ansätze: Mal ergänzt er Fotografien seiner Heimatstadt mit Textfragmenten oder er erweitert die bestehende Architektur ("From the Series To Transform the Political Speech in Facts, Finaly II", 20019), mal baut er Städte aus brennenden Kerzen ("Let's play to Disappear", 2002) oder aus Zucker, welcher von Ameisen allmählich abgetragen wird ("Basic Principles to Destroy", 2007), dann sind es futuristische Architekturen aus Japanischen Reispapier ("New Architectures", 2003), oder in Silber gegossene Repliken militärischer Gebäude ("The Crown Jeweles", 2009). Gemeinsam ist ihnen das Narrative: sie erzählen Geschichten, sie erinnern und provozieren zum Nachdenken.


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