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Ein Kunstblog für München







Das Münchner Lenbachhaus hat im Rahmen der Ausstellung PLAYTIME zu einer Blog-Parade aufgerufen. Das Thema: Wie selbst- oder fremdbestimmt ist Arbeit heute? 

Als ich diesen Aufruf las und da ich in meinem Blog ausschließlich über Kunst schreibe,  schossen mir sofort die Bilder unzähliger KünstlerInnen in den Kopf, die in fabrikartigen "Werkstätten" an Kunst arbeiten, deren Schöpfer sie nie seien werden, oder die in Galerien die Arbeiten ihrer Kollegen, nach deren Vorgaben an die Wände hängen, sie installieren, oder archivieren. Hat der eine oder andere junge Künstler endlich eine Galerie gefunden, die ihn vertritt, wird ihm vom Galeristen erstmal erklärt, welches Format "gängig" und welche Motive "gefällig" sind. Welcher Künstler, mit häufig ein bis zwei Nebenjobs, wird danach noch vollkommen frei arbeiten? Ich habe einige von ihnen erlebt, die in ihrer Unerfahrenheit oder Verzweiflung das "gängige" Format und das "gefällige" Motiv ausprobierten und bei Erfolg auch wiederholt verwendeten.

Selbst ein renommierter Künstler arbeitet oftmals nicht vollkommen selbstbestimmt. Denn er sieht sich häufig mit Auftragsarbeiten konfrontiert, in deren Rahmen er sich bewegen muss: er wird sich an Budgets, Termine, Materialien und vieles mehr halten müssen. Auch er wird tun, was ihm aufgetragen wurde, denn er ist Teil des Systems. Nur wer sich an dessen Regeln hält, kann sich als Kunst-Star behaupten. 

Nun könnte man argumentieren, dass es diese Art des Mäzenatentums schon seit Jahrhunderten gibt. Der Begriff leitet sich von Maecenas (ca. 70.  v. Chr.) ab, einem reichen und gebildeten Römer, der nach der Überlieferung Kunst und Kultur aus altruistischer und selbstloser Motivation förderte. Doch der uneigennützige, private Mäzen ist seit der Renaissance eine schöne Fiktion. Schon die Medici nutzten die Kunst zum eigenen Prestige und Michelangelo war als Bildhauer keinesfalls glücklich über Papst Julius II Auftrag, die Sixtinische Kapelle auszumalen. Auch hier arbeitete der Künstler also zum großen Teil fremdbestimmt und ließ wiederum andere Künstler nach seinen Vorgaben arbeiten. 

Die Moderne brachte einen gewissen Wandel. Vor allem im 20. Jahrhundert taten viele Künstler alles, um ihren eigenen Idealen treu zu bleiben. Ihre Kunst war Ausdruck ihrer Kritik an den Interessen der Macht und Politik. Sie stellten ihre Unabhängigkeit unter Beweis, indem sie sich von den Erwartungen des Publikums und den Zwängen der Tradition frei machten und das Ideelle in den Vordergrund stellten, um das Materielle zu verdrängen.

Diese Künstler gelten als Sinnbild des freischaffenden, selbstbestimmten und kreativ arbeitenden Menschen. Doch die Wirtschaft hat die Entwicklung bereits überholt und  Begriffe, wie selbstbestimmt und kreativ längst für sich erobert: so ist Kreativität heute gleichzusetzen mit Effektivität. Das Betriebssystem Kunst unterstützt dies, indem es bestimmte künstlerische Strategien begünstigt, Netzwerke schafft und Identitätsmanagement fordert. Unweigerlich schleichen sich so wirtschaftliche Interessen ein. Spendable Unternehmer profitieren von ihren Künstlerfreunden und eignen sich das Image deren Kunst an. Doch das Image der Kunst kann nur leiden: Wenn Kunst zu Werbung degradiert wird, Aufträge erteilt werden, um das Image eines Unternehmens zu veredeln und Geldanleger bestimmen was Kunst ist, sehe ich kaum mehr Platz für frei, unabhängig und ideell arbeitende Künstler in unserer Gesellschaft. 

Orientierungslos und verwirrt, wie Monsieur Hulot in dieser Scene von "Playtime" (1967), dem Film von Jacques Tati, auf den sich die Ausstellung im Lenbachhaus bezieht, fühle ich mich manchmal, wenn ich wieder durch New Yorks Galerien ziehe und einen bestimmten Trend erkenne, der offensichtlich von Galeristen und Sammlern gepuscht wird und dem sich bestimmte Künstler bereitwillig unterwerfen. In München ist dies eher selten.


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