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Ein Kunstblog für München







Post- und Wohngebäude Frauenhoferstraße von Robert Vorhoelzer.

Alexander Deubl und Christian Muscheid arbeiten schon seit einiger Zeit an gemeinsamen Kunstprojekten.  Besucht habe ich die beiden Künstler anlässlich der dritten Eröffnung der Kärntner Bar - hierzu jedoch später - in dem von ihnen gegründeten "Superplusstudio", mitten im angesagten Gärtnerplatzviertel, im dritten Stock des Post- und Wohngebäudes des Architekten Robert Vorhoelzer (1884 - 1954). Auf 450 Quadratmeter  arbeiten dort junge Künstler in den Bereichen Fotografie, Skulptur, Malerei, Architektur, Design, Sound und Kunsttherapie. Ziel des "Superplusstudios" ist es nicht nur den einzelnen dort arbeitenden Künstlern ein Dach über den Kopf zu gewähren und Atelierfläche zu schaffen, sondern einen interdisziplinären Diskurs zu ermöglichen. Denn in allen von Alexander Deubl und Christian Muscheid initiierten Projekten ist der Austausch ein wesentlicher Gesichtspunkt, der sich auch in der bereits angesprochenen Kärntner Bar manifestiert und weiterentwickelt hat.

© Alexander Deubl & Christian Muscheid, "KärntnerBar", 2013.

Die "Kärntner Bar" ist also das aktuelle Kunstprojekt der beiden Künstler: Nach dem Vorbild der, von dem Architekten Adolf Loos in Wien gestalteten und unter Denkmalschutz stehenden Kärntner Bar (auch Loos Bar oder American Bar), haben Deubl und Muscheid ein Schaufenster in der Frauenhoferstraße 32 zu der wohl kleinsten Kneipe in München umgebaut und dabei gestalterische Elemente des Vorbildes in Wien übernommen. Ein geschickt angebrachter Spiegel vergrößert nicht nur visuell den Raum und schafft damit Tiefe, sondern kehrt darüber hinaus das Innen nach Außen. Gleichzeitig wird durch die Spiegelung, das Geschehen auf der Straße in den Innenraum der Bar transportiert. Zufällig vorbeilaufende Menschen werden unerwartet aus ihrem Alltag herausgerissen und damit unweigerlich ein Teil des Kunstprojektes, denn auch der Bordstein ist durch eine kaum wahrnehmbare Bemalung, integrierter Bestandteil des Geschehens. Sobald ein Passant sich darauf einlässt, entsteht ein Diskurs. Die Begegnung weitet sich in eine Interaktion aus, sei es weil Passanten Graffitis hinterlassen, oder weil sie einfach nur am Tresen stehen und ein Bierchen trinken. Der Rezipient wird unwillkürlich zum Protagonist einer künstlerischen Aktion. 

Die Appropriation, das Zitieren der Wiener Kärntner Bar ist hier wohl als Hommage an Wien und dessen bedeutenden Architekten Adolf Loos zu verstehen, wirft jedoch gleichzeitig Fragen nach der Autorenschaft und Originalität eines Werkes auf und stellt damit den Kunstmarkt an sich in Frage. Alexander Deubl und Christian Muscheid untersuchen mit diesem Projekt aber auch Themen , die um den öffentlichen Raum und um den Austausch, der darin stattfindet, kreisen: Wie macht man Raum erfahr- und wahrnehmbar, welche Nutzung ist möglich und wie kann die künstlerische Gestaltbarkeit von Raum so weiterentwickelt werden, dass die natürliche Grenze zwischen Kunst als raumeinnehmendes Objekt und/oder Aktion und deren Rezeption fließend ist. 

© A.Deubl & C. Muscheid (Super+ Tanke), "ceci n'est pas une pipe", 2013.

Ein ähnliches Konzept stand auch hinter der Aktion, deren Anfänge bereits mehr als ein Jahr zurück liegen. Im Sommer 2012 entwickelte und eröffnete das Künstlerduo die Off-Space Location "Super+ Tanke" in der Belgradstraße. Die Architektur einer stillgelegten, aus dem Jahre 1953 stammenden Tankstelle, diente ihnen als Ausgangspunkt mehrerer Event-Projekte, die man ebenfalls interdisziplinär nennen könnte. Im urbanen Umfeld zwischen Schwabing und Milbertshofen stellten Deubl und Muscheid Kunst aus, feierten Vernissagen und Partys, bauten eine Installation in Form eines pinken Tunnels und ließen darin unter anderem Models auf und ab gehen. Schnell entwickelte sich die "Super+ Tanke", in einem ansonsten eher tristen Umfeld, zu einem illustren Anziehungspunkt, der nicht nur von der unmittelbaren Nachbarschaft angenommen wurde. Außerhalb der etablierten Kunsteinrichtungen, denen meist ein bisschen Glamour und Innenstadtflair anhaftet, gelang es den Künstlern einen abgelegenen, öffentlichen Raum so zu bespielen, dass auch Menschen ihn als kulturellen Ort erfahren durften, die sonst selten Gelegenheit haben, kulturelle Veranstaltungen zu besuchen. 

© A. Deubl & C. Muscheid (Super+Tanke), 2013.

Kunst im urbanen Umfeld und der Diskurs der dadurch entsteht, spielt in diesen Projekten eine wesentliche Rolle. Kultur spielt sich schon lange nicht mehr nur in Museen, Theatern, Galerien und ähnlichen ab.  Längst ist Kultur -auch in München- auf der Straße, in Clubs und auf Festivals zu finden. Warum also nicht eine künstlerische Plattform in der Gestalt einer Party oder Bar kreieren! Die Kunst weitet sich aus, verlässt ihre gewohnte Umgebung und das ist gut so. Mich jedenfalls langweilen manchmal die elitären Rituale mancher Kunstkreise und so ist mir jeder frische Wind, der in München weht einmal mehr lieb, als noch eine Vernissage mit noch einem Glas mittelmäßigen Wein.  

(Drei weitere Eröffnungen der Kärntner Bar sind in diesem Jahr noch geplant, sowie eine gemeinsame Ausstellung in der Münchner Galerie Stefan Vogdt im Dezember.)

 

Exkurs: Alexander Deubl und Christian Muscheid machen nicht nur gemeinsame Projekte, sondern arbeiten jeder auch am eigenen Werk:

Christian Muscheid (geboren 1982 in Saarbrücken) studierte Malerei bei Professor Zeniuk an der Akademie der Bildenden Künste und lebt und arbeitet in München. Seine Kunst könnte man als abstrakte Farbfeldmalerei bezeichnen, wobei der Farbträger nicht immer eine Leinwand seien muss. Großformatige Werke bestehen fast ausschließlich aus Farbe und Form. In ihrer minimalistischen Reduktion gelingt es ihnen die größtmögliche Wirkung zu entfalten. Die klaren, leuchtenden Farben evozieren Gefühle von Frohsinn und Heiterkeit, ohne dabei ins Sentimentale oder Dekorative abzudriften. 

© Christian Muscheid, aus der Serie "Interaction of Color", 2013, Foto: Georg Szabo Photography.

© Christian Muscheid, "Archetyp" 2013, Foto: Georg Szabo Photography.

Alexander Emil Deubl (geboren 1983 in München) besuchte die Bildhauerklasse von Olaf Nicolai an der Akademie der Bildenden Künste und auch er lebt und arbeitet in München. Die Ideen seiner oftmals in Glas gefertigten Skulpturen und Installationen entstehen häufig aus Erinnerungen und Gefühlen, die in seiner Vergangenheit wurzeln. Auch "Erdstall" wuchs aus einer solchen Erinnerung: als Kind baute er lange Tunnels durch Schneehaufen, durch die er dann krabbelte, um darin einen Rückzugsraum zu finden. Erdställe nennt man die in Bayern und Österreich vorkommenden unterirdischen Geheimgänge, deren Funktion bis heute nicht abschließend geklärt ist. Die lamellenartig abgehängten Decken und Wände der gleichnamigen Installation des Künstlers von 2013 greifen das Thema dieser Geheimgänge auf und weisen auf die verborgenen Räume, die sich dahinter befinden. 

© Alexander Deubl, "Erdstall" , 2013, Foto Georg Szabo Photography.

© Alexander Deubl, "Erdstall", 2013. Foto: Georg Szabo Photography .


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