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Ein Kunstblog für München







"001 Urban Songline" (Production Still), © Allard van Hoorn, courtesy Galerie Esther Donatz

Traumpfade, auch "Songlines" genannt, weil sie mittels gesungenen Texts überliefert werden, sind Teil des Schöpfungsmythos der Aborigines. Indem die Schöpfungswesen über das Land wanderten und heilige Taten vollzogen, haben sie das Land geordnet und kreiert, haben ihm eine Struktur gegeben, Wasserlöcher, Flüsse und Nutzflächen geschaffen. Diese Tat-Orte sind für die Aborigines nicht isoliert, sondern miteinander durch die Traumpfade verbunden. Sie dienen als Navigationssystem, mit welchem die Urbevölkerung Australiens in der Lage ist, kilometerlange Reisen von Wasserloch zu Wasserloch durchzuführen, ohne sich in der Wüste zu verirren. Die Phonetik war, mangels einer Schriftsprache der Aborigines, die einzige Möglichkeit ihr kulturelles Erbe zu bewahren und ihre Spuren zu hinterlassen.


"001 Urban Songline" (Production Still), © Allard van Hoorn, courtesy Galerie Esther Donatz

Allard van Hoorn zeichnet in seiner Video Arbeit "001 Urban Songline", aus dem Jahr 2009 Traumpfade unseres urbanen Umfeldes auf. Inspiriert durch die Traumpfade der Aborigines, erkundet der Künstler einen urbanen Raum, nach seinem eigenen Prinzip, audiovisuell: Ein Skateboarder befährt mit seinem Board eine leerstehende Fabrikhalle. Indem der Skater die Halle befährt, tastet er sie ab. Ihre Struktur, ihre Architektur macht er sich zu Eigen. Er hinterlässt dabei Spuren, sowohl akustischer, als auch visueller Art und übersetzt den Raum in eine sowohl sichtbare, als auch hörbare Topographie. In dem Video werden die Roll- und Gleitgeräusche des Skateboards sowie die Umgebungsgeräusche des urbanen Umfelds elektronisch transformiert. Jeder Sound den man hört, ist Ergebnis der Aneignung des befahrbaren Raums.

"001 Urban Songline" (Production Still), © Allard van Hoorn, courtesy Galerie Esther Donatz

"001 Urban Songline" ist die erste Arbeit innerhalb einer Serie von inzwischen 16 Urban Songlines des Künstlers, in der es um die Beschreibung von öffentlichen Raum geht, wie wir uns diesen aneignen, ihn erfahren, ihn wahrnehmen und für uns beanspruchen. Van Hoorn arbeitet interdisziplinär, indem er Architektur mit Performance, Ton, Bild, und Video erfahrbar und rezipierbar macht. Er untersucht vor allem die Möglichkeiten der Wahrnehmung von Raum. Statt einer architektonischen Beschreibung mit Text und Bild, lässt der Künstler eine Performance abspielen. Die Handlung und die Spuren die hierdurch entstehen, erzählen eine Geschichte; sie erzählen und veranschaulichen uns den Raum ganzheitlich, ähnlich der Songlines der Aborigines. Der Raum ist nicht mehr nur durch Bild und Ton erkennbar, sondern enthält Stimmungen, Atmosphäre, Geschichte und Gefühle. Man bekommt ein Gespür für das Gesamte des Raumes. Vor allem aber ist auch der Betrachter Teil dieser Erfahrung. Es liegt an seinen Fähigkeiten, an seiner Musikalität, an seiner Neugier und auch an der jeweiligen Laune, wie er die abgetasteten Strukturen erfährt.


"Skies over Snaefell", © Allard van Hoorn, courtesy Gallerie Esther Donatz

Auch eine weitere, in der Galerie Esther Donatz gezeigte Arbeit, transformiert einen bestimmten Raum in eine andere Sprache. Die Licht Installation "Skies over Snaefell" aus verschiedenfarbig aufleuchtenden LED Birnen, zeigt den Himmel über dem Isländischen Gletscher-Vulkan Snaefellsjökull, der schon Jules Vernes als Ausgangspunkt für seine "Reise zum Mittelpunkt der Erde" und der NASA als Übungsgelände für ihre Mondlandung im Jahre 1969 diente. In einem fortlaufenden Prozess registriert und indexiert eine, an die Installation angeschlossene, spezielle Software alle im Internet vorhandenen Bilder des Vulkans, extrahiert die Information des darüber stehenden Himmels und übersetzt diese auf die Lichtkolben der Installation, die in verschiedenen Rot-, Blau- und Gelbtönen aufleuchten.  Der Betrachter sieht die kontinuierliche Veränderung der Realität des Internets, beziehungsweise die anonymen Spuren der zahlreichen Internetnutzer, welche ihre Fotos ins Netz stellen.


Kupferboden (Detail), © Allard van Hoorn, courtesy Gallerie Esther Donatz

Spuren hinterlassen! Dies tun wir täglich, überall und in jedem Moment unseres Daseins. Nicht immer sind diese für uns Menschen sichtbar. Wir neigen oft genug dazu sie zu verwischen oder unkenntlich zu machen. Allard van Hoorn macht sie sichtbar, erfühlbar, nachvollziehbar. Er zeichnet Territoralisierung, im Sinne von Inbesitznahme auf. Dabei geht es ihm weniger um die ursprüngliche räumliche Einheit und deren Statik, als um Prozesse der Markierung, der Reterritoralisierung einerseits und der Deterritoralisierung anderseits. Und so können wir auch unsere eigenen Spuren, auf dem mit Kupferfolie ausgelegten Boden der Galerie, nicht mehr ignorieren.


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